Vor den US-Zwischenwahlen Können die Republikaner wieder bei Latinos punkten?
Fast die Hälfte der Latinos in den USA wählte 2024 Donald Trump - und trug damit maßgeblich zu seinem Erfolg bei. Viele setzten große Hoffnungen in ihn. Wie ist die Stimmung unter Latinos kurz vor den Zwischenwahlen?
Bei der Präsidentenwahl vor zwei Jahren stimmten in Arizona rund 42 Prozent der Latinos für Donald Trump. In dem Bundesstaat haben rund ein Viertel der Wahlberechtigten lateinamerikanische Wurzeln. Viele setzten große Hoffnungen in Trump - wegen seines angekündigten Abschiebekurses gegen straffällig gewordene illegale Einwanderer oder wegen seiner Versprechen, die wirtschaftliche Lage zu verbessern.
Doch knapp zwei Wochen vor den wichtigen US-Zwischenwahlen sagen Umfragen voraus, dass Trumps republikanische Partei viele Stimmen aus diesem wichtigen Wählerblock verlieren wird.
Die 20 Jahre alte Kamilla wählte schon 2024 demokratisch und will das auch diesmal wieder tun. Sie ist mit ihrer Schwester und ihren Eltern auf einem Herbstfestival in Patagonia, einem kleinen Ort im Süden des Bundesstaats Arizonas, etwa eine halbe Stunde von der Grenze zu Mexiko entfernt. Besucher schlendern zu Verkaufsständen oder sitzen vor einer Bühne mit Live-Musik.
Viele hier sind Latinos. Auch Kamillas Großeltern waren aus Mexiko in die USA eingewandert. "Trump schert sich nur um eine kleine Minderheit - reiche Weiße", sagt sie. Ihre Schwester Emma sagt, als Latina fühle es sich schrecklich an, Trump als Präsidenten zu haben - "jemanden, der eine so schlechte Meinung über deine Kultur hat, über deine Wurzeln".
Die Schwestern Emma (links im Bild) und Kamilla sagen, sie fühlten sich als Latinas von US-Präsident Trump diskriminiert.
Stark gefallene Zustimmungswerte
Beide hoffen, dass die Umfragen recht behalten: Sie zeigen eine große Unzufriedenheit mit Trump und der republikanischen Partei unter Latino-Wählern. Laut einer Umfrage von NBC News/Telemundo von Anfang Oktober liegen Zustimmungswerte für Trump unter Latino-Wählern bei nur 27 Prozent.
Der Anteil lateinamerikanischer Wähler, die der republikanischen Partei negativ gegenüberstehen, ist so hoch wie seit 2016 nicht mehr. Und bei der Frage, wen die Latino-Wähler lieber im US-Kongress sehen wollen, liegen die Demokraten mit 59 Prozent deutlich vor den Republikanern mit 35 Prozent. Andere Umfragen kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
Die Missionskirche San Xavier del Bac außerhalb von Tucson wird auch "Weiße Taube der Wüste" genannt.
"Wir wissen nicht, ob wir die nächsten sind"
Wie in Patagonia machen auch im etwa anderthalb Stunden entfernten Tucson Latinos mehr als 40 Prozent der Bevölkerung aus. Etwas außerhalb, in der Steppe um Tucson, liegt eine große Kirche, bekannt als "Weiße Taube der Wüste". Die beiden Latinas Mia und Amy sind hier, weil sie sich die Kirche anschauen wollen.
Amy sagt, finanziell komme sie kaum über die Runden. Früher hätte ein Einkommen gereicht, heute brauche man zwei Jobs, um ein gutes Leben führen zu können. Freundin Mia nickt, sagt aber, als Latina mache ihr etwas anderes noch viel mehr zu schaffen. Sie habe das Gefühl, Latinos hätten Angst, auf die Straße zu gehen. "Selbst amerikanische Bürger werden festgenommen, wir wissen nicht, ob wir die nächsten sind", so Mia.
Ein junger Mann namens Carlos macht Fotos von der Kirche. Er ist 29 Jahre alt, mit 16 kam er mit seinen Eltern aus Mexiko in die USA. Angst sei das vorherrschende Gefühl in der Latino-Community, erzählt er: Angst vor Repressalien, wenn man seine Meinung sage. Angst zu sprechen und daraufhin von ICE festgenommen zu werden, selbst wenn man Papiere habe. Und es herrsche große Angst, dass man seinen Job und seinen Status in der Gesellschaft verlieren könnte.
"Viele identifizieren sich mit keiner Partei"
Carlos will demokratisch wählen. Mia und Amy wissen nur, dass sie nicht für die Republikaner stimmen werden. Vielleicht würden sie gar nicht wählen, sagen sie. Ein junger Latino auf einem Wochenmarkt in Tucson, seinen Namen will er lieber nicht nennen, hat schon entschieden, dass er diesmal nicht wählen wird. Er sei weder von Demokraten noch von Republikanern überzeugt.
Silvia Sanchez überrascht das nicht. Als Reporterin des Radiosenders NPR in Arizona spricht sie mit vielen Latinos. Sie habe festgestellt, dass sich viele nicht mehr mit einer Partei identifizierten. Sie habe auch den Eindruck, dass der Rückhalt für die Republikaner zurückgegangen sei.
Aber das bedeute nicht, dass diejenigen, die ihre Stimme nicht mehr für die republikanische Partei abgeben, deshalb demokratisch wählten. Sie kenne Leute, die 2024 Trump gewählt hätten und das bereuten. "Viele sehen sich nicht mehr als Republikaner, aber eben auch nicht als Demokraten", so Sanchez.
Hinzu kommt, dass bei den Midterms in 36 Bundesstaaten auch die Gouverneurinnen und Gouverneure neu gewählt werden, also die Regierungschefs der Bundesstaaten.
Zuvor fanden in allen 50 Bundesstaaten Vorwahlen statt. In diesen Primaries bestimmten Demokraten und Republikaner, welche Kandidaten sie ins Rennen schicken. Die Primaries begannen am 3. März in Arkansas, North Carolina und Texas und endeten am 15. September in Delaware. Auch für die Gouverneurswahlen fanden von März bis September Vorwahlen statt.
Auch unter Latinos gibt es Rückhalt für Trump
Die hohen Lebenshaltungskosten und das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE sind aus der Sicht von Sanchez die beiden wichtigsten Themen für viele Latinos. "Es ist nicht so, dass Latinos illegale Einwanderung befürworten. Aber mit der Aggressivität der ICE-Beamten sind sie nicht einverstanden", sagt sie.
Sanchez betont, dass es aber immer noch Rückhalt für Trump gebe. In Arizona gebe es viele Latinos, die kleine Geschäfte oder Restaurants hätten. Und viele von ihnen unterstützten die Republikaner, weil sie glaubten, dass Unternehmer eher von der republikanischen Partei profitierten als von der demokratischen.
Jorge ist ein überzeugter Anhänger von Trump. Der beschütze schließlich die USA. Auch mit dem Vorgehen von ICE hat er keine Probleme.
"Ich bin glücklich mit Trumps Politik"
So auch Jorge: Er hat in Catalina ein kleines Schnellrestaurant und ist eingefleischter Republikaner. In seinem Restaurant "Sammy's Grill" hängen Fotos von Donald Trump, es gibt "Make America Great Again"-Burger. Jorge gehört zu den "Latinos for Trump". Er ist US-Bürger, eingewandert aus El Salvador und stolz auf seinen Präsidenten, auch wegen des Krieges gegen Iran.
Endlich habe ein Präsident den Mumm dazu gehabt. Die gestiegenen Benzinpreise nimmt Jorge dafür gern in Kauf. "Wenn eine Atombombe hochgeht, werden wir alle zu Staub gemacht. Willst Du also jetzt lieber fünf oder sechs Dollar für Benzin zahlen oder warten, bis Du zu Staub gemacht wirst? Was wäre Dir lieber?"
Ob er ein Problem mit dem harten Vorgehen von Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde ICE habe? Nein, wer sich nicht widersetze, habe auch nichts zu befürchten, so Jorge. Mitarbeiter von ICE oder dem Grenzschutz können bei ihm kostenlos zu Mittag essen. Er sei glücklich mit Trumps Politik, betont Jorge und vergleicht die USA mit einer großen Farm. Auf großen Haciendas gebe es große Hunde, die die Farm beschützten. Präsident Trump sei wie ein Rottweiler oder Deutscher Schäferhund. Er beschütze die USA. "Ich will keinen kleinen Chihuahua, der schon beim kleinsten Anzeichen von Gefahr anfängt zu winseln", sagt Jorge mit lauter Stimme.
Aber auch er glaubt, dass bei den anstehenden Midterms weniger Latinos republikanisch wählen werden als 2024. Die Leute sähen einfach nicht das große Ganze, findet Jorge. Und manche seien auch einfach dumm.

