Wenn Konzerne die Bühnen übernehmen Wem gehören unsere Festivals?

Wacken, Rock am Ring, Hurricane: Hinter vielen der größten Musikfestivals stehen inzwischen internationale Konzerne. Die Konzentration verändert das Geschäft mit Livemusik und setzt unabhängige Veranstalter unter Druck.

Was 1990 mit einer improvisierten Bühne und rund 800 Metal-Fans in Schleswig-Holstein begann, ist heute eines der größten Metalfestivals der Welt. Für die Fans ist Wacken Kult. Für internationale Investoren längst auch ein Geschäft. Die beiden Gründer Thomas Jensen und Holger Hübner besitzen inzwischen nur noch jeweils rund fünf Prozent der Veranstalterfirma. Im Oktober haben sie weitere Anteile verkauft. Knapp 90 Prozent gehören nun der internationalen Festivalgruppe Superstruct, hinter der wiederum große Finanzinvestoren stehen.

Viele Festivals, wenige Konzerne

Doch das Wacken Open Air ist längst kein Einzelfall. Auch Rock am Ring, Parookaville oder das Hurricane sind Teil großer Konzernnetzwerke. Ob Metal, Rock oder elektronische Musik: Musikalisch könnten manche dieser Festivals kaum unterschiedlicher sein. Wirtschaftlich laufen sie jedoch zunehmend bei denselben wenigen Unternehmen zusammen.

Eine Untersuchung der europäischen Livemusikverbände Live DMA und Reset! zeigt, wie weit diese Konzentration reicht: Mehr als 150 große Festivals in der EU sind vier Unternehmensgruppen zugeordnet – Superstruct, CTS Eventim, Live Nation und AEG. Dabei geht es um unterschiedliche Eigentums- und Betreiberverhältnisse.

Ein Konzern verdient gleich mehrfach

Für die großen Veranstalter sind Festivals ein attraktives Geschäft: Schließlich bringen sie oft eine jahrzehntelang gewachsene Fangemeinde mit. Besonders lukrativ wird das Geschäft, wenn Unternehmen zugleich an Tourneen, Spielstätten und Ticketverkäufen verdienen. Das zeigt sich am Beispiel CTS Eventim, einem Konzern, der 2025 erstmals mehr als drei Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete. Über verschiedene Beteiligungen ist Eventim im Festivalgeschäft aktiv, organisiert Konzerttourneen und gehört zu den größten Ticketverkäufern Europas. Auch bekannte Veranstaltungsorte wie die Berliner Waldbühne und die Kölner Lanxess-Arena werden von Eventim betrieben.

Das Geschäft greift ineinander: So kann ein Konzern die Deutschlandtournee einer Band veranstalten, die Halle betreiben, in der sie auftritt, und auch noch die Eintrittskarten verkaufen. Im Sommer könnte dieselbe Band auf einem Festival aus dem eigenen Unternehmensnetzwerk spielen. Für Eventim bedeutet das mehrere Einnahmequellen und mehr Verhandlungsmacht. Für kleinere Konkurrenten bedeutet es, mit einem Unternehmen zu konkurrieren, das weit mehr zu bieten hat, als einen einzelnen Auftritt.

Die Größe bringt allerdings auch Vorteile. Festivals sind wirtschaftlich riskant: Künstlergagen steigen immer weiter, gleiches gilt für Produktions- und Sicherheitskosten. Wetterextreme oder schwache Ticketverkäufe können erhebliche Verluste verursachen. Ein Konzern im Hintergrund kann solche Risiken besser abfangen. Hinzu kommen Größenvorteile: Technik, Dienstleistungen oder Werbung lassen sich für mehrere Festivals gemeinsam einkaufen, Personal und Know-how bequem teilen.

Wacken-Gründer Thomas Jensen erklärte, dass die Unterstützung durch Superstruct während der Coronapandemie für das Festival überlebenswichtig gewesen sei.

Große Festivals, ungleiche Chancen

Doch was große Veranstalter wirtschaftlich stärkt, kann für ihre unabhängigen Konkurrenten zum Nachteil werden. Große Veranstalter können Bands gleich mehrere Auftritte in ihrem Netzwerk anbieten. Kleinere Festivals konkurrieren mit deutlich geringeren Budgets um dieselben Künstler.

Johanna Stark von der LiveMusikKommission beobachtet, dass große Festivals die Künstlergagen und Produktionskosten nach oben treiben. Kleinere Veranstalter könnten kaum mithalten. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk spricht sie von einer "Verdrängungsstruktur".

Auch Julian Reininger vom unabhängigen Green Juice Festival in Bonn berichtet gegenüber Backstage PRO von gestiegenen Gagen und Problemen beim Booking. Sogenannte Gebietsschutzvereinbarungen können Bands weitere Auftritte in einer bestimmten Region untersagen – selbst wenn ein anderer Veranstalter die Gage bezahlen könnte. Von rund 20 infrage kommenden Headlinern blieben für Green Juice mitunter nur ein oder zwei realistische Möglichkeiten. Gebietsschutz ist in der Branche nicht neu, kann das Machtgefälle zwischen großen und kleinen Veranstaltern aber verschärfen.

Superstruct hält der Kritik entgegen, dass gerade größere Unternehmensstrukturen Festivals wirtschaftlich absichern und dadurch auch ihre Vielfalt erhalten könnten, wie das Unternehmen gegenüber dem BR erklärte.

Was auf dem Spiel steht

Dabei beginnen die Geschichten vieler Festivals ganz anders: Nicht mit einem Businessplan, sondern mit der Begeisterung für Kultur. Oft steht am Anfang schlicht die Begeisterung für eine Musikrichtung, die anderswo kaum eine Bühne bekommt. Aus solchen Initiativen sind über Jahrzehnte wichtige Kulturorte geworden, die ganze Szenen und Regionen prägen. Für viele, vor allem junge Menschen, sind Festivals ein wichtiger Teil ihrer Identität. Verschwinden sie, gehen auch unabhängige Ideen und kulturelle Freiräume verloren.

Konzernbesitz bedeutet allerdings nicht automatisch weniger musikalische Vielfalt. Auch bei Wacken entscheidet laut Gründer Thomas Jensen weiterhin das altbewährte Team über das Programm. Bei größeren Investitionen, Wachstum und der langfristigen Strategie haben in Konzernstrukturen allerdings auch die Eigentümer ein Wörtchen mitzureden. Zum Konflikt kann das werden, wenn kulturelle Vorstellungen nicht mit den wirtschaftlichen Erwartungen der Investoren zusammenpassen.

Denn zur kulturellen Vielfalt gehört nicht nur, welche Musik auf den Bühnen gespielt wird, sondern auch, wer diese Bühnen gestalten kann. Die Frage ist längst nicht nur, wem die großen Bühnen gehören; sondern welche Chancen diejenigen haben, die nicht Teil dieser milliardenschweren Netzwerke sind.