Schifffahrt unter Attacke Das ukrainische Getreide steckt fest

Angriffe Russlands bringen die ukrainische Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer nahezu zum Erliegen. Landwirte bleiben auf ihrer Ernte sitzen, während sich vor den Donauhäfen die Laster stauen. Eindrücke aus der Region Odessa.

Auf den Feldern rund um das Dorf Muravlivka in der Region Odessa haben russische Drohnenangriffe Krater hinterlassen. Für die Landwirte ist die Gefahr längst Teil ihres Arbeitsalltags. Wenn Luftalarm ausgelöst wird, arbeiten viele trotzdem weiter. Auf den Feldern gibt es kaum Möglichkeiten, Schutz zu suchen.

"Natürlich ist es beängstigend", sagt Oleksandr Naku und schaut besorgt. "Während der Arbeit hören wir keine Sirene. Und was für einen Schutzraum gibt es auf dem Feld? Wir arbeiten einfach weiter. Was soll man schon tun?"

Der Traktorfahrer arbeitet seit 42 Jahren in der Landwirtschaft und ist inzwischen Rentner. Trotzdem sitzt er weiter auf dem Traktor, auch weil Arbeitskräfte fehlen. Viele junge Männer seien an der Front, manche ins Ausland geflohen. Viele alte Landwirte helfen deshalb jüngeren in der Region aus.

Oleksandr Naku ist seit mehr als 40 Jahren in der Landwirtschaft tätig. Es bleibe ihm nichts anderes übrig, als weiterzuarbeiten, sagt er. Viele junge Männer seien an der Front.

Gute Ernte, fallende Preise

In diesem Jahr ist die Ernte gut ausgefallen. Doch für Landwirt Jewhen Tymofejew wird gerade das zum Problem. Rund 600 Tonnen Weizen lagern allein auf seinem Hof. Dazu kommen Gerste, Erbsen und Sonnenblumenkerne. Der 30-Jährige bewirtschaftet gemeinsam mit seinem Vater etwa 400 Hektar Land.

Verkaufen will er derzeit nur so viel, wie unbedingt nötig ist, um die laufenden Kosten irgendwie zu decken. "Wir verkaufen nur einen kleinen Teil, um die Pacht und den Diesel zu bezahlen. Damit wir wenigstens irgendwie arbeiten können. Wir können nicht mehr verkaufen, weil es keine guten Preise gibt."

Vor etwa einem Monat habe er für eine Tonne Weizen noch 10.200 bis 10.300 Hrywnja bekommen, erzählt Jewhen. Heute seien es teilweise nur noch 8.000. Das entspricht etwa 155 Euro. Bei Futtergetreide sei der Preis von 10.000 auf 7.600 Hrywnja gefallen. Auch Sonnenblumenkerne seien deutlich billiger geworden: Von 32.000 auf 20.000 Hrywnja pro Tonne fiel der Preis innerhalb von zweieinhalb Monaten. Das entspricht einem Rückgang von rund 38 Prozent.

Die Kosten dagegen steigen. Pacht, Löhne, Diesel und die nächste Aussaat müssen bezahlt werden. Tymofejew verkauft deshalb nur einen Teil seiner Vorräte und hofft, den Rest später zu besseren Preisen absetzen zu können. Seine Familie hat zusätzliche Lager gebaut, um die Ernte länger aufbewahren zu können. Doch nicht jeder Betrieb verfügt über diese Möglichkeit.

Jewhen Tymofejew kann sein Getreide nicht mehr gewinnbringend verkaufen. Denn die Preise in der Ukraine sind wegen russischer Angriffe auf die Exportinfrastruktur eingebrochen.

Häfen sind offen - Schiffe bleiben aus

Der Grund für den Preisverfall liegt vor allem bei den Exportwegen. Die Ukraine gehört zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt. Ihre großen Schwarzmeerhäfen sind für den Absatz entscheidend.

Doch nach massiven russischen Angriffen auf Schiffe und Hafenanlagen ist der Schiffsverkehr in den Häfen bei Odessa fast zum Erliegen gekommen. Die Folgen für die Ukraine sind groß, denn der Getreideexport ist die Grundlage für die wirtschaftliche Stabilität des Staates während des Krieges und die wichtigste Überlebensquelle für den Agrarsektor.

Offiziell sind die Häfen von Odessa, Piwdennyj und Tschornomorsk nicht geschlossen. Tatsächlich kommen jedoch kaum noch Frachter. Im Durchschnitt komme weniger als ein Schiff pro Tag in den Hafen von Odessa, sagt Dmytro Barinow, Präsident des ukrainischen Hafenverbandes. Er beschreibt die Lage als faktische Blockade:

Die Reeder, Kapitäne und Besatzungsmitglieder fürchten um ihr Leben. Es geht inzwischen darum, ob sie überleben werden oder ob sie von russischen Drohnen oder Raketen getötet werden.

Die russischen Angriffe treffen nicht nur Schiffe, sondern auch Terminals, Lagerhallen, Straßen und Hafenanlagen. Bei Luftalarm müssen die Arbeiten unterbrochen werden, Beschäftigte suchen Schutz.

Der Engpass an der Donau

Für die Landwirtschaft hat das unmittelbare Folgen. Händler kaufen weniger Getreide und zu deutlich niedrigeren Preisen, weil unklar ist, wann und zu welchen Kosten sie es exportieren können. Die Ware bleibt auf den Höfen liegen. Alternative Transportwege sind teurer und können die Kapazität der großen Häfen nicht ersetzen.

Was nicht mehr über die großen Schwarzmeerhäfen ausgeführt werden kann, drängt zunehmend auf die Donau. Die Häfen Ismajil und Reni sind damit zu wichtigen Ausweichrouten geworden. Doch auch sie werden von Russland angegriffen. Hinzu kommen niedrige Wasserstände, die die Schifffahrt zusätzlich einschränken.

Besonders der Sulina-Kanal, der über rumänisches Gebiet zur Donau führt, ist ein Flaschenhals. Nach Angaben von Barinow können derzeit nur kleinere Frachter mit einer Ladekapazität von etwa 5.000 bis 7.000 Tonnen einlaufen. Große Hochseeschiffe, wie sie in den Tiefwasserhäfen am Schwarzen Meer beladen werden, können diese Route nicht nutzen.

Wie groß der Unterschied ist, zeigt ein Vergleich des Hafenverbandes: Ein Frachter mit 100.000 Tonnen Ladung kann in Piwdennyj innerhalb weniger Tage beladen werden. Um dieselbe Menge auf der Straße zu transportieren, wären rund 5.000 Lkw-Ladungen nötig.

Nach Odessa kämen kaum noch Schiff, erklärt Dmytro Barinow, Präsident des ukrainischen Hafenverbandes.

Angriffe auf Lkws

Vor Ismajil stehen die Lastwagen kilometerweit am Straßenrand. Viele sind bis oben mit Getreide beladen. Einer der Fahrer ist Wiktor. Er transportiert 28 Tonnen aus der Zentralukraine und wartet seit drei Tagen darauf, seine Ladung im Hafen abgeben zu können. Kollegen von ihm warteten seit Wochen, sagt er.

"Wir warten darauf, dass wir in den Hafen fahren können und darauf, dass kein Luftalarm ist. Es gibt so viele Alarme, die den Betrieb lahmlegen. Alle warten. Niemand weiß Bescheid. Es geht nur sehr langsam voran", beschreibt Wiktor die Situation.

Bei Luftalarm wird die Arbeit in den Häfen unterbrochen, Fahrzeuge müssen die Anlagen verlassen. Vor wenigen Tagen wurden in der Region mehrere mit Getreide beladene Lastwagen durch russische Drohnenangriffe getroffen.

Auch Wiktor weiß, dass die Fahrt und das Warten gefährlich sind. "Alle haben Angst. Aber wir haben uns daran gewöhnt", sagt er. Wenn Angriffe beginnen, steigen die Fahrer aus und entfernen sich von ihren Fahrzeugen. "Denn unsere Familien warten zu Hause auf uns. Fahrzeuge sind weniger wichtig als Menschenleben."

Lkw-Fahrer Wiktor wartet tagelang darauf, Getreide zum Hafen transportieren zu können. Und hofft, nicht zum Ziel russischer Angriffe zu werden.

Die nächste Ernte erhöht den Druck

Trotz der Gefahr müssen die Transporte weitergehen. Mit der Maisernte im Herbst könnte sich die Situation weiter zuspitzen. Der Hafenverband warnt, dass insbesondere im Oktober und November zusätzliche Lagerkapazitäten fehlen könnten.

Für den Landwirt Jewhen Tymofejew ist die Lage ein wirtschaftlicher Balanceakt. Verkauft er jetzt, bekommt er weniger Geld für seine Ernte. Wartet er, muss er die laufenden Kosten trotzdem bezahlen und trägt das Risiko, dass Lager oder Transportwege durch Angriffe beschädigt werden. "Wir leben hier und jetzt. Wir wissen nicht, was morgen sein wird. Vielleicht wird ein Lager getroffen", sagt er. Seine Familie werde weiterarbeiten.

Doch solange der wichtigste Exportweg über das Schwarze Meer kaum funktioniert, wächst der Druck auf die Landwirte - und mit jeder neuen Ernte die Menge an Getreide, die noch einen Weg aus dem Land finden muss. Währenddessen fallen die Preise für die Landwirte weiter - während das Getreide auf dem Weltmarkt immer teurer wird.