Schülerproteste in Frankreich "Was wir bekommen haben, sind bloß Krümel"
Frankreich stellt sich auf ein unruhiges Wochenende ein: Erneut wollen Schüler im ganzen Land gegen die Bildungspolitik protestieren. Denn die ersten Zugeständnisse der Regierung reichen ihnen nicht aus.
Die Behörden werden alles tun, damit die bevorstehende Halloween-Nacht nicht zum Horror wird. Schon Anfang der Woche warnte Präsident Macron: "C’est un samedi à risque." - Der nächste Samstag werde wieder risikoreich. Denn die Schülerinnen und Schüler wollen erneut auf die Straße gehen.
Zwar haben sie den Fünf-Punkte-Plan des Bildungsministers Geffray begrüßt. Dieser hatte am Dienstag zugesagt, die Klassenstärke zu reduzieren, 500 zusätzliche Lehrerstellen zu schaffen, vergünstigte Kredite im Umfang von vier Milliarden Euro für die Renovierung der Schulgebäude zur Verfügung zu stellen und das umstrittene System zur Studienplatzvergabe zu reformieren. Doch unterm Strich reichen den Schülern die Ankündigungen nicht.
Für den französischen Innenminister Laurent Nuñez gibt es deswegen ein "sehr hohes Risiko urbaner Gewalt". Demonstrationen in den Stadtzentren würden nicht erlaubt. Gegen Gewalt und Plünderungen werde die Polizei mit "äußerster Entschlossenheit" vorgehen.
In ganz Frankreich werden am Samstag wie am vergangenen Wochenende 70.000 Polizisten im Einsatz sein. Der französische Innenminister erwartet ähnlich viele Demonstranten wie vor einer Woche, als über 400.000 Menschen in Frankreich überwiegend friedlich demonstriert haben.
Macron kritisiert hohe Forderungen
"Was wir bekommen haben, sind bloß Krümel angesichts dessen, was wir gefordert haben", bemängelte Schülersprecher Clement Vieillot. "Wir wollen 250.000 neue Studienplätze und sie haben nur 15.000 neue Plätze bewilligt." Sein Mitstreiter Marius Mesnil von der Schülergewerkschaft Union Syndicale Lycéenne fügte hinzu: "Das ist zu wenig: Wir fordern 250.000 neue Studienplätze, damit keine Bewerber mehr aussortiert werden."
Präsident Macron warnte vor maximalistischen Forderungen. Im Gespräch mit dem Youtuber Hugo Décrypte erklärte er, dass er in den letzten zehn Jahren 500.000 neue Studienplätze geschaffen habe und betonte: "In unserem Land ist das Studium kostenlos." Auch die Studierendenversicherung sei inzwischen kostenlos und die Stipendien erhöht worden.
"Wir müssen mit der Idee Schluss machen, es gäbe ein universelles Recht auf ein Universitätsstudium. Das sei "falsch und auch nicht wünschenswert", so Macron.
Regierung hofft auf erneuten Präsenzunterricht
Doch vielen Schülerinnen und Schülern ist der Druck zu groß. Sie prangern die Konkurrenz bei der Studienplatzvergabe an und wollen erreichen, dass in den letzten zwei Schuljahren nicht mehr alle Noten aus den Schwerpunktfächern fürs Abitur zählen. Zudem kritisieren sie die langen Schultage und die Benachteiligung von Schülern aus den Banlieues, also den Randgebieten großer Städte, und den Übersee-Departements.
Die Regierung räumte ein, zu spät reagiert zu haben, hofft nun aber, dass nach den Herbstferien wieder Präsenzunterricht stattfinden kann. "Das ist entscheidend, gerade für die Studienanfänger", sagte Hochschulminister Philippe Batiste gegenüber dem Sender France Info.
"Fast die Hälfte von ihnen bricht nach einem Jahr ab und jetzt haben sie seit dem Studienstart Anfang September nur drei bis vier Wochen Unterricht gehabt." So riskiere Frankreich "im übertragenen Sinne ein Massensterben an der Uni". Präsenzunterricht bedeute ja nicht, dass die Demonstrierenden ihre Forderungen aufgeben müssten, betonte Batiste.
Das haben sie auch nicht vor. Im Gegenteil: Am Samstag wollen sie gemeinsam mit den Gelbwesten und Gewerkschaften erneut auf die Straße gehen.




