Flut-Überlebende in Nepal Die Gefahr nach der Katastrophe

Mehr als einen Monat nach der Flutkatastrophe im Himalaya ist die Lage für viele Überlebende immer noch prekär. Gerade für Kinder und junge Frauen birgt das Leben in Notunterkünften viele Gefahren.

Die Katastrophe hat Susmita Tamang alles genommen. Die 19-Jährige hat ihr Zuhause, ihren Job, ihre gesamte Lebensgrundlage verloren. Und das Schlimmste: Ihr Vater und ihre Großeltern werden noch immer vermisst.

Während sie darüber spricht, wischt sie sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht. "Uns ist nichts mehr geblieben", sagt sie. "Wir versuchen irgendwie mit der Situation fertig zu werden. Unser Leben hat sich so drastisch verändert und die Entbehrungen sind schlimmer, als ich es mir jemals hätte vorstellen können."

Sammelunterkünfte riskant für junge Frauen

Seit Wochen lebt sie gemeinsam mit ihrer Mutter in einer Notunterkunft, zwei Autostunden von Nepals Hauptstadt Kathmandu entfernt. In den provisorischen Zelten liegen mehrere Matratzen dicht an dicht, dazwischen Taschen, Kleidung und Hilfsgüter. Es ist eng.

Nach den dramatischen Erlebnissen sind Mutter und Tochter schwer traumatisiert. Sie hatten jedoch keine andere Wahl, als hier unterzukommen.

Dabei stellen gerade Sammelunterkünfte für junge Frauen wie Susmita Tamang ein großes Risiko da, warnt Ayush Joshi von der Hilfsorganisation Save the Children: "Es gibt unzureichende Beleuchtung, nur begrenzten Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen sowie zu wenig Privatsphäre", sagt Joshi. Wenn Familien auf engem Raum zusammenlebten, schaffe das viel Unsicherheit. "Das Risiko von Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung, insbesondere für Frauen, Mädchen und Kinder, kann definitiv steigen."

Gefahr von Menschenhandel

Nicht nur im Lager, auch außerhalb. Die nepalesischen Behörden haben reagiert: Hier am Checkpoint in Nuwakot kontrolliert der Polizist Balram Khadka gemeinsam mit seinen Kollegen verdächtige Fahrzeuge. Ihr Blick gilt dabei besonders den Mädchen. Khadka: "Fremde nehmen gezielt schutzbedürftige Menschen ins Visier. Deshalb sollen wir insbesondere junge Mädchen schützen. Wir kontrollieren die Fahrzeuge streng, um sicherzustellen, dass sie nicht weggebracht werden."

Die Gefahr von Menschenhandel ist in dem Katastrophengebiet real. Die Menschen reagieren deshalb mit Verständnis auf die Kontrollen. Junge Frauen seien regelmäßig Ziel solcher Menschenhändler, sagen Hilfsorganisationen und die Polizei. Ihre Not werde oft ausgenutzt.

Weiterhin Hochwasser und Erdrutsche

Eine gefährliche Situation - auch für Susmita Tamang. Trotzdem macht sich die junge Frau aber vor allem Sorgen um die Kinder hier im Lager. Viele von ihnen haben ihre Eltern verloren. "Die Verletzlichkeit dieser Kinder beunruhigt mich am meisten", sagt Tamang. "Ich habe große Angst, dass jemand sie mitnehmen könnte und wir sie vielleicht nie wieder finden."

Hinzu kommt: Auch das Wetter im Katastrophengebiet beruhigt sich nicht. Immer wieder gab es in den vergangenen Tagen Hochwasser und Erdrutsche. Um nicht an dem Schmerz zu verzweifeln, flüchte sich Tamang in die Arbeit, sagt sie. Im Aufnahmelager hat sie inzwischen die Küchenschichten übernommen.