Brasiliens Wahlverlierer Bolsonaros spektakuläre Flucht
Ein Privatflugzeug, wohl zwei Zwischenstopps, die Ankunft in Trumps USA - der Wahlverlierer der Präsidentschaftswahl bezeichnet sich als "Anführer" Brasiliens. Wie geht das rechte Lager mit dem geflüchteten Bolsonaro um?
Es ist 9:24 Uhr am Mittwochmorgen, als auf dem Privatflughafen von Opa-Locka nördlich von Miami eine Privatmaschine landet. Es steigen aus: Flávio Bolsonaro, seine Frau und die beiden Töchter. Damit endet das Rätselraten über den Verbleib des 45-Jährigen.
Noch am Montag hatte er wenige Stunden nach seiner Wahlniederlage erklärt, er werde Brasilien nicht verlassen. "Ich werde die Opposition organisieren. Wir haben die Mehrheit im Senat und in der Abgeordnetenkammer erreicht. Lasst uns den Kopf heben und weiter für unser Brasilien kämpfen", sagte Bolsonaro.
"Was auch immer geschieht: Wir werden unser Brasilien nicht aufgeben."
Spektakuläre Flucht
Doch am Dienstag überschlagen sich die Meldungen: argentinische Medien spekulieren über eine Ausreise über Puerto Iguazú nahe den gleichnamigen Wasserfällen an der brasilianischen Grenze.
Am Abend heißt es, Bolsonaro sei bereits in den USA - anonyme Quellen munkelten, Behörden dementierten.
All das sollte wohl vertuschen, dass die Flucht noch in Planung war. Denn der Oberste Gericht hatte ein Ausreiseverbot gegen Bolsonaro verhängt, mit der Anordnung, seine Pässe abzugeben.
Stattdessen nutze der 45-jährige Senator wohl seinen italienischen Pass, um Dienstagnacht nach Argentinien und von dort weiter in die USA zu reisen, wohl mit Zwischenstopp Ecuador.
Die USA erklärten sich zur Aufnahme Bolsonaros bereit und haben ihm und seiner Familie Visa ausgestellt. Dazu erklärte Trump noch vor Bolsonaros Landung. "Ich halte sie für anständige Leute. Die Wahl war sehr seltsam, und ich fand sie schrecklich. Sie hat schlechte Kritiken bekommen."
Geldwäsche, Korruption, Steuerhinterziehung
Wie anständig Flávio Bolsonaro tatsächlich ist, dazu ermittelt allerdings Brasiliens Justiz. Es geht um Geldwäsche, Korruption und Steuerhinterziehung. Einmal untersuchen die Behörden Bolsonaros Beziehung zum inzwischen inhaftierten Banker Daniel Vorcaro, der im Zentrum des größten Betrugsskandals der jüngeren Geschichte Brasiliens steht - von ihm soll Flávio Geld für die Finanzierung eines Films über seinen Vater, den wegen eines Putschversuchs inhaftierten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, erbeten und davon 20 Millionen abgezwackt haben.
Dazu soll er mit einem befreundeten Anwalt auch in Geldwäsche rund um Sportwetten verwickelt sein. Es geht um umgerechnet 1,1 Milliarden Euro. Bolsonaro bestreitet die Vorwürfe - seine Anhänger verbreiten im Netz die Narrative des politisch Verfolgten durch eine vom linken Lula beeinflusste Justiz.
Der politische Analyst ordnet dies im TV-Kanal Globo anders ein. Octavio Guedes sagt dort: "Flávio Bolsonaro flieht aus einem Land, in dem er frei kandidieren konnte. Ja, er flieht aus einem Land, in dem sein Bruder Senator ist. Er flieht aus einem Land, in dem ein weiterer Bruder Abgeordneter im Bundesparlament ist. Er verlässt ein Land, in dem seine Partei die Mehrheit im Abgeordnetenhaus stellt. Er flieht also vor einer Demokratie. Er flieht vor der Auseinandersetzung mit der Justiz - um nichts anderes geht es."
Präsident - oder Anführer - oder gar nichts?
Im Februar endet Bolsonaros Mandat als Senator, dann verliert er die parlamentarische Immunität. Als gewählter Präsident wären Ermittlungen gegen ihn nur mit Zustimmung des Kongresses möglich gewesen, in dem Bolsonaros liberale Partei PL stärkste Kraft ist.
Den Wahlsieg Lula da Silvas hat Bolsonaro selbst bis heute nicht öffentlich anerkannt - seine Partei dagegen schon. Am Mittwochabend postete er dann, bereits aus den USA, ein Kommuniqué auf X. Darin bezeichnet er sich als den "wahren gewählten Präsidenten" und spricht von Wahlbetrug bei der Stichwahl am 25. Oktober. Dabei verglich er sich mit Venezuelas Interimspräsident Juan Guaidó und Charles de Gaulle, dem französischen Präsidenten der Nachkriegsjahre. Kurze Zeit später korrigierte er die Formulierung zu "Anführer".
"Zeit, das sich das rechte Lager äußert"
Das Bild des gemäßigten Bolsonaro, als der sich Flávio im Wahlkampf präsentiert habe, sei damit als Fassade entlarvt, sagt Joao Paulo Charleaux, Experte für internationale Beziehungen. "Eine Wahl, die - laut Flávio Bolsonaro und sonst niemandem - gestohlen wurde. Wollen all die Parlamentarier und Gouverneure der Rechten tatsächlich auf ihre errungenen Mandate verzichten, weil sie glauben, die Wahl sei gestohlen worden? Die Antwort lautet: nein. Der Einzige, der unzufrieden ist, ist Flávio - er hat nämlich verloren."
Es sei an der Zeit, dass sich Brasiliens rechtes Lager dazu äußere. Wer sich bereits äußerte, ist US-Präsident Donald Trump. Auf das Schreiben Bolsonaros angesprochen, erklärte er, er werde dieses nicht kommentieren. Er habe Bolsonaro die Genehmigung erteilt, ins Land zu kommen, werde sich aber weiter nicht einmischen.
Und in Brasilien erklärte Tarcísio de Freitas, wiedergewählter Gouverneur von São Paulo und einflussreicher Politiker des rechten Lagers, gegenüber der Zeitung Estadao, er verstehe "die Gefühle, die Empörung und den Zorn" Bolsonaros, aber der richtige Weg sei, das Wahlergebnis zu respektieren und nach vorne zu blicken.




