Schulen in Singapur Den Lernerfolg nicht der KI überlassen

Der KI die Hausaufgaben überlassen: Die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz sind für Schüler verführerisch. Singapur hat deshalb eigene KI-Tools für den Unterricht entwickelt - von denen auch Lehrer profitieren.

Die Schulglocke klingelt, und für Xiao Wei Grace Fan beginnt an der staatlichen Bukit Panjang High School der Chemieunterricht. Neben ihrer Schuluniform trägt sie heute eine Schutzbrille - sie soll zwei Flüssigkeiten vorsichtig zusammenschütten. Im Reagenzglas in ihrer Hand schäumt es, die Flüssigkeit verfärbt sich. Die 16-Jährige tippt ihre Beobachtungen ins Tablet ein. Im Anschluss bekommt sie direkt ein persönliches Feedback und Verbesserungsvorschläge - von der Künstlichen Intelligenz.

Die KI weist sie darauf hin, dass sie zum Beispiel schreiben könnte, die Farbe habe sich von Violett zu Farblos verändert, anstatt einfach nur "hat sich entfärbt" zu schreiben. Und Fan liest, dass die KI Punkte erkannt hat, die sie nicht erwähnt hat, zum Beispiel die Temperaturveränderung der Flüssigkeit.

Künstliche Intelligenz ist in Singapur Teil des Schulalltags. In der Grundschule lernen Schülerinnen und Schüler die Grundlagen - was KI überhaupt ist, welche Vorteile und Risiken es gibt. Mit circa neun Jahren nutzen sie es im Unterricht.

Fan sagt, ihr helfe die KI, Antworten präziser zu formulieren. Aber sie weiß auch: "Gleichzeitig muss ich KI mit Vorsicht nutzen und in der Lage sein, zu unterscheiden, was für mich hilfreich ist und was nicht." Denn die Analyse sei nicht immer zu 100 Prozent korrekt, sagt sie.

"Mehr Zeit für individuelles Feedback"

Chemielehrerin Wee Leng Wong zeigt wie das Tool für die Lehrer aussieht. Sie kann auf dem Tablet live sehen, was die Schülerinnen und Schüler schreiben. Und sich gleichzeitig mit Hilfe von KI einen schnellen Überblick verschaffen, was viele Schüler falsch verstanden haben oder wo noch Lücken sind.

Früher, blickt sie zurück, habe sie die Arbeitsblätter wieder einsammeln müssen, sie einzeln durchsehen und selbst versuchen, sie gedanklich zu analysieren. Heute dagegen: "KI verkürzt die Zeit, die ich dafür benötige, sodass ich mehr Zeit habe, den Schülern individuelles Feedback zu geben."

Auch Wong bestätigt, dass die Analyse nicht immer 100 Prozent korrekt sei, daher überprüfe sie das KI-Ergebnis im Anschluss noch mal in Ruhe. Aber unterm Strich helfe ihr Künstliche Intelligenz sehr beim Unterrichten - vor allem angesichts von 43 Schülerinnen und Schülern im Raum, deren schriftliche Antworten sie sonst gar nicht in so kurzer Zeit lesen und analysieren könnte.

"Fertige Antworten" sind unerwünscht: Ki-Tools an Schulen in Singapur sollen das eigenständige Lernen und Denken unterstützen, nicht schwächen.

Das Denken nicht einfach auslagern

Das Singapurer Bildungsministerium hat in den vergangenen Jahren eigene KI-Werkzeuge entwickelt, da die Regierung große Sorgen habe, dass Schüler nicht mehr selbst denken, sondern alles an die KI auslagern, sagt Ong Kong Hong, der im Bildungsministerium landesweit die Lehrpläne mitentwickelt.

Bei den vom Bildungsministerium entwickelten KI-Werkzeugen achte man darauf, "dass sie keine fertigen Antworten liefern. Sie sind nicht einfach nur Effizienzwerkzeuge oder Abkürzungen, um Hausaufgaben schneller zu erledigen", sondern gebe Rückmeldung und unterstütze, ähnlich wie im Chemieunterricht.

Das übergeordnete Ziel des Lehrplans sei, die Schüler fit fürs 21. Jahrhundert zu machen, Spaß am Lernen zu fördern und das Gelernte in realen Lebenssituationen anwenden zu können.

Die Lehrerausbildung nicht vernachlässigen

Bildungskonzepte greifen langfristig und werden nicht alle paar Jahre umgeworfen. Genauso wichtig sei die Ausbildung und Auswahl der Lehrerschaft, betont Ong: "Ein Beispiel dafür ist, dass sie vor ihrer eigentlichen Ausbildung am Nationalen Bildungsinstitut zunächst eine Zeit lang als Vertragslehrkräfte arbeiten. Dadurch können sie herausfinden, ob der Lehrerberuf wirklich das Richtige für sie ist. Gleichzeitig können die Schulen eine erste Einschätzung abgeben, ob die Person für den Lehrerberuf geeignet ist."

Auch nach der Ausbildung besuchen Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig Schulungen und Weiterbildungen. Online können sich die Lehrkräfte im ganzen Land über eine digitale Plattform, eine Art Facebook für Lehrer, austauschen, Unterrichtsstunden und Materialien teilen.

"Ich fühle mich manchmal unter Druck"

Gleichzeitig haben viele Schülerinnen und Schüler einen hohen Anspruch an sich selbst. Aber auch der gesellschaftliche Druck ist groß, von Familie oder Freunden. Disziplin und Ehrgeiz dominieren bis heute das Singapurer Schulsystem. Das erzählt auch Schülerin Fan im Chemieunterricht.

"Ich denke, dass die Mitschüler um mich herum mich ständig herausfordern, besser zu werden, und ich muss auf demselben Niveau sein wie sie. Deshalb fühle ich mich manchmal unter Druck, wenn ich sehe, dass ich bei einem Test vielleicht nicht so gut abgeschnitten habe oder vielleicht nicht so gut war wie sie oder wenn ich meine Aufgaben nicht verstehe."

Softskills werden wichtiger

Der Stadtstaat setze, so das Bildungsministerium, jedoch längst nicht mehr auf Auswendiglernen und Disziplin, sondern auf Softskills. Schüler sollten lernen, kritisch zu denken, mit anderen zusammenzuarbeiten und gut zu kommunizieren. Der Lernprozess und die Freude am Lernen, seien wichtiger als Ergebnisse und Noten.

"Wir nehmen das Thema übermäßigen Drucks auf Schülerinnen und Schüler sehr ernst", sagt Ong Kong Hong vom Bildungsministerium. Schulen, Familien und die Gesellschaft müssten gemeinsam vermitteln, dass akademische Ergebnisse allein nicht den Wert oder die Zukunft eines jungen Menschen bestimmen. Deshalb habe das Ministerium zum Beispiel die Zahl der schulischen Prüfungen reduziert, Zwischenprüfungen an den Schulen abgeschafft, sodass die Schülerinnen und Schüler insgesamt weniger Prüfungen absolvieren müssen.

Für viele hört Lernen jedoch dennoch nicht mit Schulschluss auf. Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler geht zusätzlich zur Nachhilfe, am Abend, am Wochenende und in den Ferien. In Einkaufszentren in Singapur gibt es ganze Etagen voll mit Nachhilfeschulen. Es ist eine Milliarden-Industrie. Dabei geht es weniger darum, nicht sitzen zu bleiben, sondern darum, noch besser zu werden.

Lernen beginnt weit vor der Schule

Mit dem Lernen legen Schülerinnen und Schüler in Singapur zudem bereits in jungen Jahren los, weit vor der 1. Klasse - im Kindergarten.

"Soweit ich mich an meine Zeit im Kindergarten erinnere, haben wir schon früh Zahlen gelernt, also einfache Zahlen von eins bis zehn, später von eins bis 20. Außerdem wurde uns das Alphabet beigebracht. Wir haben auch mit einfachen englischen Wörtern angefangen", erzählt Schülerin Fan, während sie mit einer Pipette eine lila Flüssigkeit in eine klare Flüssigkeit tropft. Im Reagenzglas schäumt es bräunlich auf. Dank des KI-Feedbacks ist ihre Antwort dieses Mal präziser.