Schaden in Milliardenhöhe Anlagebetrug mit gefälschten Nachrichtenseiten
Sie sehen aus wie Artikel der tagesschau, führen jedoch auf betrügerische Anlageplattformen. Schätzungen zufolge machen Verbrechernetzwerke mit dieser Masche jährlich Milliarden - und bringen Tausende Menschen um ihr Erspartes.
Mehr als 100.000 Euro: Das Portfolio von Ferdinand H. kann sich sehen lassen. Nur nützt es ihm leider nichts. Denn er ist auf einen Betrug reingefallen. "Nexus Advisor", auf der sein vermeintliches Vermögen deponiert ist, ist in Wahrheit gar keine seriöse Anlageplattform. Und all sein Erspartes, das H. dort investierte, ist weg - stolze 65.000 Euro. Wie konnte es soweit kommen?
Das Portfolio von H. auf der vermeintlichen Anlageplattform.
Genau das fragt sich H. heute auch. Monatelang hatte er auf das große Geld gehofft, aufkeimende Zweifel wurden von den Erfolgsaussichten und nicht zuletzt von "M. Hoffman", seinem persönlichen Anlageberater von "Nexus Advisor", stets beseitigt.
Und damit steht H. nicht alleine da: Schätzungen der Zentralstelle Cybercrime Bayern werden jährlich Zehntausende Menschen in Deutschland Opfer dieser Betrugsmasche - der volkswirtschaftliche Schaden geht demnach in die Milliardenhöhe. Tendenz steigend.
Gefälschter tagesschau-Artikel als Köder
Aufmerksam geworden auf die Plattform war H. beim Surfen im Netz, als ihm ein vermeintlicher tagesschau-Artikel angezeigt wird. In dem tagesschau-Artikel, der in Wirklichkeit gar keiner ist, ging es um eine angeblich abrupt abgebrochene Talkshow-Sendung im ZDF mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Merz habe verhindern wollen, dass über die Plattform "Immediate Edge" gesprochen werde, mit der die "Elite" bereits jahrelang viel Geld verdient hätte. Weiter heißt es, dass sich das Investment bereits nach kurzer Zeit vervielfachen werde. Die Anlageplattform ist in dem Artikel mehrfach prominent verlinkt und führt auf die Seite von "Nexus Advisor".
Diesen "tagesschau-Artikel" hat es in Wahrheit nie gegeben.
"In Fällen wie diesen wird das tagesschau-Logo missbräuchlich verwendet - ganz klar ohne Zustimmung der tagesschau", sagt Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-aktuell. "Sobald uns ein Hinweis auf eine solche Seite erreicht, gehen wir dagegen vor. Dafür arbeiten wir seit Anfang des Jahres mit einem externen Dienstleister zusammen, der auf die Ahndung von Markenrechtsverstößen im Internet spezialisiert ist."
Dass es sich bei dem Artikel um eine Fälschung handelt, ist Ferdinand H. damals nicht bewusst: "Ich habe den Text gelesen und fand es interessant." Er ist neugierig und gibt seine Kontaktdaten auf dem Formular der Plattform an. Wie in dem Artikel beschrieben, meldet sich innerhalb von zwanzig Minuten eine vermeintliche Mitarbeiterin am Telefon bei ihm. "Sie hat einen seriösen Eindruck gemacht und mir viele verschiedene Fragen gestellt, auch über mein Jahreseinkommen." Sie kündigt an, dass sich ein persönlicher Broker bei ihm melden wird.
Dieser persönliche Broker nennt sich "M. Hoffman". Auch er habe am Telefon professionell und glaubwürdig gewirkt, schildert H. "Er hat mir dann die Plattform erklärt und gezeigt, wie man dort investieren kann. Das war alles hochprofessionell aufgebaut." H. ist zwar noch etwas skeptisch, aber auch neugierig - und überweist erst einmal 250 Euro. "Das ist der absolute Standardbetrag bei dieser Betrugsmasche", sagt Nino Goldbeck, Oberstaatsanwalt bei der Zentralstelle Cybercrime Bayern. Denn diese Summe sei für viele Menschen verhältnismäßig niedrigschwellig, um die vermeintliche Plattform einmal auszuprobieren.
H. bekommt Geld zunächst ausgezahlt
Dass H. die vermeintliche Anlageplattform für authentisch hält, überrascht Jörn Rehren vom Bundesverband der Verbraucherzentrale nicht. "Die Betrüger werden immer professioneller und besser, wie sie die Leute fangen." Zum einen seien die Berater in den Callcentern psychologisch so geschult, dass sie auf der einen Seite Anreize setzten, auf der anderen Seite auch Druck machten. Und auch die Plattformen selbst seien sehr gut gemacht: "Privatanleger können diese aufgrund der professionellen Aufmachung oft nicht von seriösen Handelsdepots unterscheiden."
Wie in dem gefälschten tagesschau-Artikel beschrieben, entwickelt sich auch H.s Portfolio innerhalb weniger Tage extrem gut: Aus den 250 Euro sind schnell rund 1.000 Euro geworden. H. ist begeistert - und will sich das Geld auszahlen lassen. Und tatsächlich, kurze Zeit später befindet sich die Summe auf seinem Konto. Und H. am Haken der Betrüger.
In dem gefälschten Artikel wird damit geworben, dass aus 250 Euro innerhalb kurzer Zeit fast 1.000 Euro werden.
"Wenn sich die Betrüger sicher sind, dass bei einem Opfer potenziell viel Geld zu holen ist, kommt es auch manchmal zu kleinen Auszahlungen am Anfang", sagt Rehren. Denn das schaffe Vertrauen. Auch bei H. sind die letzten Restzweifel dadurch weggewischt. Er investiert erst 5.000 Euro, kurze Zeit später noch einmal 30.000 Euro. Dabei begleitend am Telefon: Berater Hoffman.
Geld wird der Volkswirtschaft entzogen
Trotz Ermittlungserfolgen und mehr als 120 rechtskräftigen Verurteilungen von Tätern solcher Betrugsnetzwerke allein in Bayern hält sich die Masche bereits seit Jahren hartnäckig. "Es sind wirklich hochkomplexe Täter-Netzwerke", sagt Goldbeck von der Zentralstelle Cybercrime Bayern. "Bei einem Großteil handelt es sich um industriegleiche Syndikate, gewissermaßen global agierende Konzerne, die häufig aus Hunderten Personen bestehen."
Die Täter-Netzwerke selbst säßen meist in bestimmten Staaten wie Georgien, Ukraine, Albanien, Israel oder Zypern, so Goldbeck. "Aus diesen Betrugszentren heraus wird nicht nur der deutsche Markt attackiert, sondern in gleicher Weise auch noch viele andere Staaten und Sprachräume auf der ganzen Welt. Entsprechend hoch ist der Gesamtschaden, der jedes Jahr auf der Welt entsteht."
All das Geld, um das die Leute betrogen würden, könne nicht in die Volkswirtschaft investiert werden. "Das Geld steht nicht für die Altersvorsorge zur Verfügung. Es steht nicht zur Verfügung für die Enkel, die eventuell studieren wollen", sagt Goldbeck. "Wir haben unzählige Fälle von Menschen, die fast ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, die auf Sozialhilfeleistungen angewiesen sind, die sich zum Teil noch zusätzlich verschuldet haben."
„In Fällen wie diesen, wird das tagesschau Logo missbräuchlich verwendet – ganz klar ohne Zustimmung der tagesschau. Sobald uns ein Hinweis auf eine solche Seite erreicht, gehen wir dagegen vor. Dafür arbeiten wir seit Anfang des Jahres mit einem externen Dienstleister zusammen, der auf die Ahnung von Markenrechtsverstößen im Internet spezialisiert ist.“
Verluste teilweise im siebenstelligen Bereich
Dass die Opfer der Betrugsmasche ihr Geld wiederbekommen, ist laut Experten so gut wie ausgeschlossen. Das gilt auch für Ferdinand H. Als er sich erneut ein bisschen was von seinem angeblichen Portfolio auszahlen lassen möchte, drängt ihn sein Berater Hoffman dazu, eine Krypto-Wallet zu eröffnen. Dort solle er 30.000 Euro als Sicherheit hinterlegen, dann bekomme er das Geld ausbezahlt. H. lässt sich überreden. Und da er nicht weiß, wie er die Krypto-Wallet erstellen soll, erlaubt er Hoffman, sich auf seinen PC zu schalten, um die Wallet einzurichten.
Am nächsten Tag folgt der Schock: Als H. in seiner Krypto-Wallet nachschaut, sind dort statt 30.000 Euro plötzlich nur noch 32 Cent. "Dann habe ich versucht, den Herrn Hoffman zu erreichen, aber der reagierte nicht", sagt H. Seine Frau habe ihn schließlich dazu gebracht, zur Polizei zu gehen.
Die Polizei bestätigt den Verdacht, dass H. auf einen Betrug reingefallen ist - und die insgesamt 65.000 Euro vermutlich für immer weg sind. "Als die Polizei mir das gesagt hat, war mein Lebenswille nicht mehr sehr hoch. Ich war vollkommen fertig." Auf Anfragen von tagesschau.de reagierten "Nexus Advisor" und der Anlageberater "Hoffman" nicht.
Mit seinen hohen Verlusten steht H. nicht alleine da, sagt Goldbeck. Es gebe häufig Fälle im fünf- und sechsstelligen Bereich, sogar manchmal Millionenbeträge.
Aufklärung eine wichtige Prävention
Damit es gar nicht erst soweit kommt, ist Aufklärung über diese Betrugsmasche aus Sicht von Rehren eine wichtige Prävention. Die Verbraucherzentrale hat daher extra ein Online-Tool entwickelt, mit dem geprüft werden kann, ob ein konkretes Investment-Angebot unseriös sein könnte.
Betroffenen rät Rehren, keinen weiteren Euro zu zahlen und eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten, am besten gut vorbereitet mit allen Informationen, die man über die Betrüger und die Plattform hat. Opfer der Masche müssten zudem damit rechnen, dass sie selbst Monate später noch von dubiosen Menschen kontaktiert werden. Bei den sogenannten Recovery Scams versuchen Betrüger, ein Opfer ein zweites Mal um ihr Geld zu bringen, beispielsweise mit dem Versprechen, das verlorene Geld für das Opfer zurückzuholen, wenn sie noch einmal einen bestimmten Betrag überweisen.
"Die Betrüger geben sich beispielsweise als Mitarbeiter der Polizei oder der Bafin aus und behaupten, dass das Geld beschlagnahmt wurde und eine Sicherheit hinterlegt werden müsse, damit es die Betroffenen ausgezahlt bekommen könnten", sagt Rehren. Die Kontaktdaten sowie die genauen Informationen über das verlorene Geld der Opfer hätten sie dabei oft von dem ersten Betrügernetzwerk abgekauft.
Auch Ferdinand H. wird damit rechnen müssen, immer mal wieder kontaktiert zu werden. Auch sein Berater Hoffman hat es nochmal bei ihm versucht. Mit einer weiteren Zahlung von 10.000 Euro könne er das verlorene Geld zurückholen, schreibt Hoffman. "Darauf habe ich natürlich nicht mehr reagiert", sagt H. Er hofft, dass er mit seiner Geschichte andere vor einem ähnlichen Schicksal bewahren kann. Und dass sich vielleicht noch mehr Betroffene trauen, sich zu melden und ihre Geschichte zu teilen.


