Folgen für Verbraucher und Firmen Was bringt eine Allianz mit Kanada den Europäern?

Die EU und Kanada wollen wirtschaftlich und politisch enger zusammenrücken. Könnte eine verstärkte Kooperation Europas Lieferketten sichern, Preise stabil halten, Abhängigkeiten reduzieren?

Noch ist unklar, wie eine engere Anbindung an Kanada Leben und Arbeiten für EU-Bürger in Kanada einfacher machen könnte - ob sogar ein Einwanderungs-Abkommen möglich wäre. Im Gespräch war etwa bereits, bürokratische Handelsbarrieren weiter abzubauen und mehr berufliche Abschlüsse gegenseitig anzuerkennen. Kanada möchte am EU-Programm Erasmus+ für den Studierendenaustausch mitmachen, plant den Ausbau von Forschungsallianzen.

Zölle sind bereits weggefallen

Firmen und Verbraucher profitieren allerdings jetzt schon auf beiden Seiten des Atlantik vom bestehenden Freihandelsabkommen CETA - obwohl es immer noch eine halbe Baustelle ist, wie der Plusminus-Podcast in seiner aktuellen Ausgabe zeigt. Die Parlamente von neun EU-Ländern haben CETA bislang nicht zugestimmt. Es sind aber trotzdem fast alle Zölle zwischen der EU und Kanada bereits im September 2017 weggefallen.

Die CETA-Problematik zeigt, dass in Europa unterschiedliche nationale Interessen und Ängste bestehen. Besonders europäische Bauernverbände und Verbraucherschützer warnen davor, dass bestimmte kanadische Waren europäische Tierwohl- und Umweltschutz-Regeln nicht einhielten und der Wettbewerb dadurch unfair sei. Deshalb gibt es Obergrenzen beim Import, etwa für Lebensmittel.

Handel um 80 Prozent angestiegen

Grundsätzlich ist die CETA-Bilanz bislang aber eindrucksvoll: Der Handel zwischen EU und Kanada legte um rund 80 Prozent zu. Kanadische und deutsche Unternehmen sparen jährlich so 600 bis 900 Millionen Euro an Zollgebühren. Dabei seien die Zollspielräume bislang erst zu knapp zwei Dritteln ausgeschöpft, so die Angabe der EU-Kommission.

Der Außenhandel mit Kanada könnte also in den nächsten Jahren noch einmal deutlich zulegen. Was auch bedeuten könnte: mehr Exporte und stabilere Arbeitsplätze in Europa.

Gemeinsame Anschaffungen und Allianzen

Kanada und die EU haben kürzlich gemeinsam neue Löschflugzeuge bestellt, die bei Waldbränden in Europa und Kanada eingesetzt werden sollen. Da rückt man schon konkret enger zusammen. Das könnte bei künftigen Hitzeperioden Natur und Menschenleben retten.

Außerdem soll gemeinsam die Verarbeitung kritischer Rohstoffe ausgebaut werden. Das Ziel dabei ist, unabhängiger von China zu werden. China dominiert mit seinen konkurrenzlos billig hergestellten Vorprodukten den Weltmarkt.

Wichtige Rohstoffe und Seltene Erden

Die Abhängigkeit von Chinas billigen Produkten wird von westlichen Demokratien als Gefahr angesehen. Eigene Werke für die Verarbeitung kritischer Rohstoffe mit westlichen Umweltstandards und Lohnkosten sind aber extrem teuer. Staatliche Förderungen in Milliardenhöhe wären nötig.

Kanada produziert bereits zehn der zwölf von der NATO als verteidigungskritisch eingestuften Rohstoffe. Es fehlen nur noch Seltene Erden und Mangan. Davon hat Kanada aber auch große Reserven.

Allerdings: Der Abbau und die Verarbeitung etwa von Seltenen Erden erfordert den Einsatz von aggressiven Säuren. Und es entstehen hochgiftige und radioaktive Abfälle.

Investoren noch gesucht

Das Interesse, eigene sichere Lieferketten für die Produktion etwa von Halbleitern oder Batterien aufzubauen, ist auf beiden Seiten des Atlantik groß. Es gibt einige deutsch-kanadische Kooperationen.

Das Rohstoffunternehmen Rock Tech will beispielsweise Lithiumhydroxid für Batterien herstellen in Ontario und in Brandenburg. Es wäre der erste europäische Lithiumkonverter.

Es fehlen aber noch Investorengelder in Höhe von 750 Millionen Euro. In Ontario sucht man Investoren für 600 Millionen kanadische Dollar.

Künstliche Intelligenz und Rüstung

Deutschland und Kanada wollen eine gemeinsame U-Boot-Flotte bauen. Der deutsche Hersteller TKMS, eine Thyssenkrupp-Tochter, hat einen 62-Milliarden-Euro-Auftrag bekommen.

Die Schwarz-Gruppe, Eigentümer von LIDL und Kaufland, hat eine halbe Milliarde in ein deutsch-kanadisches KI-Unternehmen gesteckt. Das soll die Abhängigkeit von US-Software mindern. Die europäisch-kanadische KI-Software soll in Behörden, bei Banken und in der Verteidigung eingesetzt werden.

Hochentwickelte deutsche Träger-Raketen vom Münchner Start-up Isar Aerospace sollen demnächst von der Ostküste Kandas in den Orbit starten.

640 deutsche Firmen bereits in Kanada

Für mehr Sicherheit bei der deutschen Energieversorgung sind Flüssiggas-Lieferungen aus Kanada eingeplant und "grüner" Wasserstoff.

Mehr als 640 deutsche Unternehmen sind bereits in Kanada aktiv, darunter große Namen wie Siemens, Bosch, Stihl, BMW, VW, Mercedes, Rheinmetall und Dr. Oetker. Viele deutsche Firmen machen dort schon lange gute Geschäfte und wundern sich, warum US-Präsident Donald Trump das Gefüge in Nordamerika so unnötig destabilisiert - und die als sehr sympathisch geltenden Kanadier in die Arme anderer Handelspartner treibt.

Fazit: Es gibt bereits viele Kontakte, Kooperationen und Pläne. Bislang steht Kanada in der deutschen Export-Länder-Liste nur auf Platz 25 und für die EU insgesamt auf Platz zwölf. Wachstumspotenzial ist also vorhanden.