Ausstellung in London Ein Teppich zieht die Massen an
Auf 70 Metern Länge erzählt der Wandteppich von Bayeux die normannische Invasion Englands und die Thronbesteigung von Wilhelm "dem Eroberer". In London erobert er als seltene Leihgabe die Herzen der Museumsbesucher.
Selten begeistert ein 1.000 Jahre alter Gegenstand die Menschen in diesem Ausmaß. Die Ausstellung im British Museum war schon vor dem offiziellen Start ein echter Blockbuster - die ersten Wochen: ausverkauft.
Die Rede ist von einem 70 Meter langen Teppich aus weißem Leinen, 50 Zentimeter hoch, bestickt mit gefärbter Wolle. Motive, die die Vorgeschichte und die Eroberung Englands durch die Normannen illustrieren und die entscheidende Schlacht von 1066 - ein Schlüsseldatum der englischen Geschichte.
Fürchterliche Details des Krieges
Es geht um Macht, einen gebrochenen Eid und die Rivalität zweier Männer: Da ist der Normanne Wilhelm der Eroberer und der angelsächsische Edelmann Harold. "In einer sehr berühmten Szene legt Harold den Eid ab in der Gegenwart von Wilhelm. Harold streckt die Hände aus und berührt zwei Reliquienschreine", erklärt Kurator Lloyd de Beer.
Doch der Schwur hält nicht lange. Zu sehen ist die Überfahrt der Soldaten aus dem heutigen Frankreich an die Südküste Englands - die Schlacht mit den fürchterlichen Details des Krieges. Und schließlich der Tod von Harold, der - wahrscheinlich - durch einen Pfeil ums Leben kam. Nun war der Weg frei für Wilhelm den Eroberer, den englischen Thron zu besteigen.
Eine von vielen Kampfszenen auf dem Teppich. Das kunstvoll bestickte Textil entstand wohl vor 1082 und ist nun erstmals wieder in England.
Leihgabe aus Frankreich
In der vergangenen Woche besuchte König Charles III. mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron die Ausstellung. Der Teppich ist eine Leihgabe des französischen Staates, erstmals in England ausgestellt.
Der Teppich erzähle eine Geschichte, die die meisten Menschen in Großbritannien kennen, sagte der König. Und vor allem kennt er selbst diese Geschichte sehr gut. Immerhin ist er verwandt mit Wilhelm dem Eroberer.
König Charles III. (rechts) und Macron betrachten ein Detail des Teppichs von Bayeux. Frankreich hat Großbritannien den mittelalterlichen Teppich ausgeliehen, während sein üblicher Aufbewahrungsort in Nordfrankreich renoviert wird.
Über den Teppich und die Entstehungsgeschichte ist nicht viel bekannt. "Wer den Teppich bestickt hat, wissen wir nicht genau", sagt de Beer. "Wir nehmen an, dass es Frauen waren, denn in einer Quelle heißt es, dass englische Frauen international berühmt waren für ihre Fertigkeit."
Der Teppich hat Nachahmer
Wie die Arbeit ausgesehen haben mag, illustriert ein Besuch bei Mia Hannson im ostenglischen Peterborough: Die Künstlerin kniet auf dem Boden und bestickt die letzten Meter einer Kopie des berühmten Werkes. Seit fast zehn Jahren arbeitet sie nun schon daran.
2005 sah sie den Original-Teppich in Frankreich zum ersten Mal und war hingerissen. "Meine Idee war, ein langes Projekt anzugehen", sagt sie. "Ich liebe Stickerei, das begeistert mich. Aber eben dieser eher einfache Stil."
Künstlerin Mia Hannson bestickt ihre Version des Teppichs von Bayeux.
Mia Hannson nutzt Fotos als Vorlage und arbeitet mit der gleichen Technik wie vor 1.000 Jahren. "Es gibt hier eine Million Pferde - aber nicht zwei, die gleich sind. Man kann keine Schablone anfertigen. Das geht bis in die Details, beispielsweise der Hufe."
Im nächsten Jahr will Mia Hannson das Projekt beenden. Sie denkt über eine Fortsetzung nach. Denn die letzten drei Meter des Teppichs sind verloren gegangen. Wahrscheinlich war darauf die Krönung Wilhelms zu sehen. Mia Hannson möchte dieses Stück nun selbst entwerfen - Teil zwei sozusagen.



