EU-Gipfel in Finnland Der geopolitische Kampf um die Arktis
Die Arktis wirkt wie eine Region am Rand der Welt - und wird doch immer wichtiger: militärisch und wirtschaftlich. Das sieht auch die EU so und trifft sich zu Beratungen in Finnland - auch Kanzler Merz ist dabei.
Es ist Mitte Juli. Im Hauptquartier der norwegischen Streitkräfte in Reitan steht Außenminister Johann Wadephul auf der Kommandobrücke des Lagezentrums. Hier, tief im Innern eines Bergs, laufen wichtige Informationen aus unterschiedlichsten Quellen zusammen. Auf großen Bildschirmen lassen sich Bewegungen von Schiffen und Flugzeugen im Hohen Norden verfolgen.
Vor der Küste sind auch die russischen Atom-U-Boote unterwegs. Auf dem Weg in den Nordatlantik. "Russland besitzt hier im hohen Norden Fähigkeiten, die wir ernst nehmen müssen. Auch mit Blick auf unsere Sicherheit in Zentral-Europa." Der deutsche Außenminister verweist auf Unterseekabel und wichtige Versorgungsrouten, denen gerade im Ernstfall eine besondere Bedeutung zukomme.
NATO hat Aktivitäten hochgefahren
Russland ist seit Jahren dabei, seine militärische Präsenz in der Arktis wieder auf- und auszubauen. Dabei gehe es auch darum, möglichst schnell vom Nordmeer in den Nordatlantik vorstoßen zu können, erklärt Verteidigungsminister Boris Pistorius. Im militärischen Ernstfall sei das genau der Schritt, "um die Versorgungsrouten zwischen Amerika und Europa abzuschneiden. Das lernen wir aus der Geschichte dieser Region bis zurück zum Ersten Weltkrieg."
Die Folgen für den europäischen Teil der NATO wären gravierend, weshalb auch das Bündnis seine Aktivitäten in der Arktis hochgefahren hat. Die Bundeswehr beteiligt sich an Manövern im hohen Norden und auch an der NATO-Mission "Arctic Sentry", was sich mit "Wächter der Arktis" übersetzen lässt.
Es geht der Bundesregierung aber nicht nur um den Ernstfall. Sondern auch darum, langfristig sicherzustellen, dass See- und Handelswege frei bleiben. In den Leitlinien deutscher Arktispolitik wird immer wieder auf das Völkerrecht und das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen verwiesen.
Wertvolle Rohstoffe wecken Interesse
Die Betonung von internationalem Recht kommt nicht von ungefähr. Neben Russland ist auch China sehr aktiv in der Arktis und investiert dort. Und auch US-Präsident Donald Trump hat Ansprüche angemeldet - auf Grönland.
Natürlich wecken auch wertvolle Rohstoffe, wie Seltene Erden, Begehrlichkeiten, die durch das schmelzende Eis nun zugänglich werden. "Das eröffnet auch wirtschaftlich Chancen", sagt Wadephul. "Vorausgesetzt, wir nutzen sie verantwortungsvoll und mit Respekt für diese einzigartige Natur."
Arktisforschung fördern
Damit letzteres nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, will die Bundesregierung weiter die deutsche Arktisforschung unterstützen, die sich international einen Namen gemacht hat. Stärker einbringen will sich die Bundesregierung zudem in internationalen Foren - wie zum Beispiel dem Arktischen Rat, in dem Deutschland einen Beobachterstatus hat.
Allerdings hat auch hier Russlands Krieg gegen die Ukraine Spuren hinterlassen. Die Zusammenarbeit der Arktis-Anrainer ist eingeschränkt und liegt in bestimmten Bereichen komplett auf Eis.
Gemeinsame europäische Strategie als Ziel
Die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen, der Klimawandel - all das hat zu der Entscheidung der Europäischen Union geführt, ihre Arktis-Strategie zu überarbeiten. Auch hier soll der Sicherheitsaspekt nun eine größere Rolle spielen.
Wie eine gemeinsame Strategie konkret aussehen könnte, darüber wollen am Sonntag mehrere EU-Staats- und Regierungschefs in Finnland beraten. Auch Kanzler Merz wird mit dabei sein.
Im Gepäck die Eindrücke seiner Minister. Und: die deutschen Arktis-Leitlinien, bei denen Fachleute noch einiges an Handlungsbedarf sehen - wenn die Bundesregierung es wirklich ernst damit meine, dass die Arktis eine Schlüsselregion auch für Deutschland sei.



