Gespräche in Athen Rubio umwirbt die Gas-Drehscheibe Griechenland

Südosteuropäische Länder bauen ein Pipelinesystem auf, das Gas über den Kontinent verteilen soll - um unabhängig von Russland zu werden. Auch Flüssiggasexporteur USA zeigt Interesse. Droht eine neue Abhängigkeit?

Bei seinem Besuch in Athen hat US-Außenminister Marco Rubio über vieles gesprochen: Massenmigration, Terrorismus, Verteidigung, vor der Akropolis beschwor Rubio die Wurzeln westlicher Zivilisation. Doch für Ino Afentouli, Außenpolitikexpertin am Athener Thinktank Eliamep, stand vor allem ein Thema im Fokus: "Ich glaube, dass der Besuch das Interesse der US-Regierung insbesondere am Energiebereich bestätigt hat. Es geht um die Frage, wie die USA den Transport und die Verteilung ihres eigenen Flüssiggases nach Europa über den sogenannten Vertikalen Korridor ausbauen wollen."

Der Vertikale Korridor ist ein Netz aus Pipelines, das Gas etwa von Griechenland aus über Bulgarien und Rumänien bis zur Ukraine liefern soll. Denn die EU will spätestens bis November 2027 russische Gasimporte vollständig beenden.

Dieser zu erwartende Wegfall hat eine Dynamik verstärkt, die Gasunternehmer, Reedereien und Politiker in ganz Südosteuropa erfasst hat und die, so warnen Kritiker, zum Bau neuer Infrastrukturen für fossile Energie führen könnte, die man womöglich gar nicht brauche. Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis hebt dagegen hervor, man habe erreicht, dass Griechenland zu einem "zentralen Akteur in Südosteuropa" geworden sei, nachdem es zuvor "am Rande des Energiesystems" gestanden habe.

Der Vertikale Korridor soll Griechenland zu einem wichtigen Eingangstor für Flüssigerdgas (LNG) machen, vor allem aus den USA. Zwei LNG-Terminals hat das Land bereits, vier weitere sind angekündigt oder in Planung, wobei unklar ist, welche davon tatsächlich realisiert werden.

Neue Bohrungen nach Gas - US-Konzerne sind dabei

Angetrieben wird diese Dynamik durch eine US-Energieoffensive in der Region. Erstmals seit Jahrzehnten will Griechenland demnächst auch wieder mit Erkundungsbohrungen vor seiner Westküste nach Erdgas suchen. Mit dabei: der US-Ölkonzern ExxonMobil. Auch die amerikanische Ölfirma Chevron ist an geplanten Bohrprojekten beteiligt, etwa südlich von Kreta.

Die US-Botschafterin in Griechenland, Kimberly Guilfoyle, ist in den vergangenen Monaten durch die Region getourt und hat für Deals mit amerikanischen Firmen geworben. Die USA hätten ein großes Interesse daran, in Griechenland zu investieren, sagte Guilfoyle.

Damit sei nicht bloß eine einzelne Pipeline gemeint, erklärt Energieexperte Michalis Mathioulakis vom Thinktank Eliamep. "Es handelt sich um ein ganzes System von Pipelines, und vieles von dem, was derzeit gebaut wird, besteht in erster Linie aus Sanierungen und neuen Pipeline-Abschnitten sowie aus Verbindungsleitungen zwischen den Ländern."

Mathioulakis spricht von einer Win-Win-Situation. Europäische und US-amerikanische Interessen stimmten aktuell in dieser Hinsicht überein. Außerdem werde Erdgas noch lange gebraucht, weil die Energiewende noch nicht weit genug fortgeschritten sei. Europa brauche Energiesicherheit.

Stürmische Zeiten: US-Außenminister Rubio und sein griechischer Amtskollege Giorgos Gerapetritis vor einem Gemälde im griechischen Außenministerium.

Projekt überdimensioniert?

Nikos Mantzaris, leitender Analyst beim griechischen Thinktank The Green Tank, bewertet den Vertikalen Korridor anders: Er sei "überdimensioniert und teuer". Entsprechend lautet auch die zentrale Botschaft einer Analyse, die The Green Tank Ende September veröffentlicht hat. "Selbst wenn der gesamte Bedarf, der durch den Wegfall von russischem Gas entsteht, für alle Länder entlang des Vertikalen Korridors ausschließlich durch LNG-Terminals in Griechenland gedeckt würde, wäre von den vier derzeit geplanten Terminals nur ein neues LNG-Terminal erforderlich."

Mantzaris sieht eine langfristig sinkende Nachfrage nach Gas und verweist zugleich auf die hohen Kosten von LNG. Der Experte kritisiert, die Pläne der griechischen Regierung seien intransparent und vage.

Er vermisst eine klare Strategie. "Sie improvisieren einfach - nicht nur die Griechen, sondern alle Beteiligten. Deshalb ist es gefährlich. Es wird für das öffentliche Interesse und die Verbraucher insgesamt nach hinten losgehen, nicht nur in Griechenland, sondern überall." Zumal die Investitionen mit EU-Klimazielen schwer vereinbar sein.

Schiffe wie die "Bushu Maru" bringen Flüssiggas aus den USA nach Europa. Die Bedeutung des US-Gases ist seit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine deutlich gewachsen.

Marktmacht USA

Ana Maria Jaller-Makarewicz vom internationalen Institute for Energy Economics and Financial Analysis fordert, statt in den Vertikalen Korridor in Elektrifizierung zu investieren, etwa in die regionale Integration von Stromnetzen. Dort liege die Zukunft.

Sie weist außerdem auf ein weiteres Problem hin. Im August und September seien rund 70 Prozent aller LNG-Importe in die EU aus den USA gekommen. Die Befürchtung: Statt sich breiter aufzustellen, rutscht die EU von einer Abhängigkeit, nämlich von Russland, in eine andere, nun von den USA.

In Griechenlands Regierung zumindest sehen die Entscheidungsträger die enge Zusammenarbeit mit den USA nicht problematisch. Im Gegenteil, während US-Außenminister Rubio in Athen von einer historischen Allianz mit Griechenland sprach, sagte sein griechischer Amtskollege Giorgos Gerapetritis , die griechisch-amerikanische Partnerschaft sei noch nie so stark, tief und geschlossen gewesen.