Eskalation bei Protesttag Wer in Frankreich randaliert hat
Die Gewalteskalation beim landesweiten Protesttag hat Frankreich schwer erschüttert. Wer waren die Randalierer und Plünderer? Für den Premierminister ist die Antwort klar, doch die Wirklichkeit ist komplexer.
Feuerwerkskörper, Tränengas und geplünderte Geschäfte: Die Gewalteskalation von Samstag bestimmt weiter die öffentliche Debatte in Frankreich. Für Premierminister Sébastien Lecornu liegt die Verantwortung klar bei Aktivisten aus der linksextremen Szene. Es sei eine Vorgehensweise, die es noch nie gegeben habe: "Wir haben es seit dem Morgen in Marseille gesehen, wo eine Reihe von extrem, radikalen und Ultra-Linken im Schwarm aufgetreten sind - und zur Gewalt angestiftet haben: methodisch und digital organisiert."
In Zusammenhang mit dem angezündeten Rathaus von Limoges wurde ein Tatverdächtiger festgenommen, der als linksextremer Gefährder eingestuft und wegen Gewaltverstößen bekannt ist.
Gruppen, die Chaos ausnutzten
Insgesamt ergibt sich aber ein differenzierteres Bild. Die leitende Staatsanwältin von Paris, Laure Beccuau kann die Lesart der Regierung bislang nicht bestätigen. Denn im Polizeigewahrsam würden sich viele gar nicht zu ihren politischen Überzeugungen äußern, sagte Beccuau bei TF1.
Für die Ausschreitungen in Paris sind laut den Behörden zwei unterschiedliche Gruppen verantwortlich. Die Randalierer am Nachmittag auf dem Place de la République hätten mit den Plünderern aus der Nacht wenig zu tun, betonte der Sprecher des französischen Justizministeriums Sacha Straub-Khan bei France Info. Es gebe zwei unterschiedliche Profile, einmal die organisierten Randalier. "Sie bekennen sich zu einem politischen Ziel, meist im linken Spektrum verortet." Es gebe aber auch diejenigen, die durch die Innenstädte gezogen seien und das stundenlange Chaos nutzten, um zu plündern. "Das sind andere Gruppen, die nicht politisiert sind."
Einige kommen aus den Vororten
Insgesamt deckt sich das mit Beobachtungen von Journalisten vor Ort - auch denen des ARD-Teams. Parallel zu den Ausschreitungen auf dem Place de la République sei die zweite Gruppe in die Stadt gekommen, so Staatsanwältin Beccuau. "Die Polizei hat ab etwa 16.00 Uhr an mehreren Bahnhöfen in Paris weitere Personen bemerkt - die offensichtlich kamen, um die Gelegenheit zu nutzen. Und die später an den Überfällen auf Geschäfte beteiligt waren."
Bisher sind laut Beccuau vor allem die weniger schweren Fälle ausgewertet. Dabei habe sich gezeigt, dass viele Plünderer aus dem Département Seine-Saint-Denis, aus Nanterre oder Créteil kamen, also aus Pariser Vororten. Sie sind migrantisch geprägt, viele Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze.
Den Wohnort oder die Herkunft der Plünderer mit der Migrationsdebatte zu verbinden, verzerrt aber den Blickwinkel. Denn viele Jugendliche aus den Vororten sind ohnehin Franzosen. Oder haben mit 18 automatisch das Recht, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, wenn sie in Frankreich geboren sind.
Großteil der Plünderer waren Männer
Außerdem sei auch das Profil der Plünderer alles andere als einheitlich, sagte Justizminister Gérald Darmanin im Sender CNews. "Die Franzosen müssen wissen, dass zu 95 Prozent Männer hinter dieser Kriminalität stecken." Auch Jugendliche seien festgenommen worden, aber die meisten, nämlich 70 Prozent der Festgenommenen, seien Erwachsene. "Unter ihnen seien Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen ohne französische Staatsbürgerschaft - aber auch Menschen, die perfekt integriert sind, Franzosen. Sie alle waren dabei", so Darmanin.
Insgesamt wurden rund 2.500 Menschen in Polizeigewahrsam genommen. Knapp 150 Menschen sitzen bereits im Gefängnis: entweder in Untersuchungshaft - oder weil sie nach einem Schnellverfahren vor Gericht direkt inhaftiert wurden.

