Schriftstellerin Anne Carson Die Punk-Philosophin unter den Nobelpreisträgern
Wer Anne Carson einmal live erlebt hat, weiß: Ihre Auftritte sind ein Ereignis. Die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin begeistert mit Wissen, Witz und unbändiger Erzählfreude.
In einem Interview mit der norwegischen Schriftstellerin Linn Ullmann gab Anne Carson kürzlich Einblicke in ihre Lesegewohnheiten. Gerade habe sie etwas über den Philosophen Descartes in der Hand gehabt, erzählt sie. Dessen berühmter Satz "cogito, ergo sum" ("Ich denke, also bin ich") ist weltbekannt. Wenn man ihn sich aber im Original anschaue, dann sei er nicht vollständig, sagt die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson: "In Wirklichkeit steht dort 'Dubito, ergo cogito, ergo sum' - 'Ich zweifle, also denke ich, also bin ich'".
Der Zweifel also als Ursprung des Denkens, so könnte man auch die Arbeitsweise von Anne Carson beschreiben. Vermeintlichen Gewissheiten misstraut sie, festgefrorenen Formulierungen erst recht.
Eine der vielen antiken Figuren im Werk der Altphilologin Carson ist daher der griechische Dichter Stesichoros, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte und den Carson in ihrem Roman "Rot" als eine Art Erfinder des Adjektivs feiert. Zuvor war Helena immer schön, der Tod immer schlecht, der Eros immer bittersüß. Erst bei Stesichoros wurden die Zuschreibungen freier und vielschichtiger: "All die Zustände in der Welt tauchten plötzlich an die Oberfläche", so Carson.
Konstanter Bruch mit den Erwartungen
Die Bücher der 76-Jährigen brechen ebenfalls regelmäßig mit den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Die Schrift folgt nicht immer den Zeilen, formt sich manchmal zu Bildern, bricht mittendrin ab. Die Textform wechselt zwischen Lyrik, Essay, historischem Fragment. Herakles, der unbesiegbare Held der griechischen Mythologie, wird plötzlich ein unsicherer Teenager mit einem Faible für Vulkane. Geryon, das geflügelte Monster plötzlich ein heranwachsender Einzelgänger mit homosexuellem Begehren. Carson macht sie zu Menschen unserer Zeit, mit heutigen Sehnsüchten und heutigen Fragen.
Nicht immer zur Begeisterung ihrer Figuren: Hektor, Antigone oder auch der biblische Lazarus machen in ihrer Gedichtreihe "TV Men" alles andere als eine gute Figur. Auch sie müssen sich den unbequemen Fragen der forschenden Autorin stellen: Wie mag Lazarus sich gefühlt haben, als er plötzlich aus seinem Grab wieder herausgerissen und neu leben musste? War er wirklich erfreut darüber? Eine Antwort gibt sie uns nicht. Der Zweifel bleibt.
Früher Preisregen
Auch Carsons Lebensweg weist diese Zweifel auf. Ihr Studium der Altertumswissenschaften unterbrach sie mehrfach, schrieb sich für eine Vielzahl von Fächern ein. Was ihr aber immer blieb, war das Schreiben, für das sie schon früh mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. "Der bittersüße Eros", in dem sie sich mit dem Begehren zu Zeiten Sapphos auseinandersetzt, und "Rot" gehören dabei zu ihren bekanntesten Werken. Ihre Übersetzungen der griechischen Klassiker werden heute an zahlreichen Theaterbühnen gespielt.
Fragen und Zweifel, Carson verbindet sie kunstvoll wie kaum eine andere Autorin zu großen, jahrhunderteüberspannenden Bögen. Sie lässt den altgriechischen Historiker Longinus mit dem Künstler Michelangelo in den Austausch kommen. Sie setzt Marilyn Monroe und die schöne Helena von Troja zueinander in Relation, in ihrem Werk "Norma Jean Baker of Troy" - ein "gesprochenes und gesungenes Stück", denn Carsons Texte sind meist auch Performances.
Punk-Philosophin und Live-Ereignis
Als "Punk-Philosophin" wird sie daher auch bezeichnet. Sie selbst zu erleben, ist ein Ereignis. Gerade erst konnte man das in Berlin erleben, wo sie vor 700 begeisterten Fans auftrat. Ihr Thema: Nicht weniger als die Schöpfung selbst, deren Entstehung sie neu nacherzählt. "Bevor die Galaxien entstanden habe ich mir ein paar Notizen gemacht", sagt sie - und legt los. Mit einem unbändigen Wissen, mit der Freude daran, die Perspektiven zu wechseln - mal als Wolke, mal als Kiesel. Und auch hier immer wieder Fragen, die man sich so noch nicht gestellt hat: Hatte Godot, die titelgebende Figur aus dem Stück Samuel Becketts, auf den bis zum Schluss gewartet wird, vielleicht ganz simple Gründe, warum er nicht kommt?
"Es ist die Aufgabe der Autorin, auf die kleinen Dinge zu achten", sagt Carson selbst. Und das tut sie in ihren Büchern, neben all den großen Bögen. In "Rot" ist es ein kleiner Satz aus der antiken Sage, der ihr auffällt: Herakles tötete nicht nur Geryon, er tötete auch dessen kleinen Hund. Warum diese unnötige Gewalt? Eine weitere große Frage, die uns beim Lesen sehr heutig vorkommt. Und, so hofft es Carson, weitere Fragen auslöst: Sie möchte die Gehirne der Menschen bewegen, zum Nachdenken anregen, sagt sie. Zum Selberdenken. Dazu sind ihre Bücher eine wunderbare Einladung.




