Ukraine besonders betroffen Zahl der Opfer durch Streubomben verdreifacht
1.063 Menschen wurden im vergangenen Jahr durch Streubomben getötet oder verletzt - das sind dreimal so viele wie 2024. Besonders stark betroffen ist laut einer Erhebung von Nichtregierungsorganisationen die Ukraine.
Auf dem Platz vor dem UN-Gebäude in Genf steht ein gigantischer Holzstuhl mit einem abgebrochenen Bein. "Broken Chair", kaputter Stuhl, heißt das zwölf Meter hohe Kunstwerk. Es symbolisiert den Protest gegen Streubomben und Landminen. Politikern und Diplomaten soll es eine Mahnung sein.
Wie aktuell das Thema ist, zeigt sich im UN-Gebäude. Dort stellt die Internationale Koalition gegen Streumunition ihren aktuellen Bericht vor. Diesem zufolge haben die Waffen im vergangenen Jahr 1.063 Opfer gefordert, dreimal so viele wie noch im Jahr zuvor.
Eva-Maria Fischer von der Hilfsorganisation Handicap International hat an dem Bericht mitgearbeitet. "Das macht mich natürlich extrem betroffen. So wie alle anderen Kolleginnen und Kollegen auch, die mit dem Thema Streumunition seit vielen Jahrzehnten zu tun haben. Und es ist einfach einer der am höchsten jemals gemessenen Opferzahlen pro Jahr", sagt sie.
Opferzahlen in der Ukraine vervierfacht
Besonders stark betroffen ist die Ukraine. Hier wurden laut Streubomben-Monitor mindestens 927 Opfer registriert, mehr als viermal so viele wie noch ein Jahr zuvor. Angriffe mit Streumunition gab es außerdem in Iran, Myanmar, Russland und in Kambodscha.
Eva-Maria Fischer von Handicap International sagt: 87 Prozent der Opfer im vergangenen Jahr seien Zivilistinnen und Zivilisten gewesen. Das liege in der Natur der Waffe.
Streubomben verteilen viele kleine Submunition über weite Gebiete, treffen nicht immer nur das militärische Ziel, sondern auch zivile Opfer. Und das andere ist, dass von den vielen kleinen Munitionen dann bis zu 40 Prozent oft nicht explodieren. Das heißt, diese Waffe hinterlässt unglaublich viele Blindgänger. Und das sind kleine, oft ballgroße Munitionen, die ein Kind finden kann, die interessant aussehen und die von jedem Kind aufzuheben und auszulösen sind.
Streumunition steht wegen der unberechenbaren Folgen für Zivilisten immer wieder in der Kritik. Besonders die Spätfolgen sind gefährlich: Millionen von Blindgängern aus vergangenen Kriegen liegen in unterschiedlichen Ländern und können bei Kontakt töten.
Seit 2010 legt die Streubombenkoalition, ein Verbund aus Nichtregierungsorganisationen, den Streubomben-Monitor vor. Sie überwacht die Einhaltung des "Übereinkommens über das Verbot von Streumunition" (Oslo-Konvention).
112 Länder haben es ratifiziert, darunter Deutschland. Das Abkommen umfasst ein kategorisches Verbot von Einsatz, Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Transfer von Streumunition. Weder Russland noch die Ukraine haben das Übereinkommen ratifiziert.
Litauen zog sich 2025 als erstes Land wieder aus dem Abkommen zurück und begründete dies mit der Bedrohung durch Russland.
Expertin: Angehörige leiden - auch wirtschaftlich
In den jährlichen Streumunition-Monitor fließen unter anderem Opferzahlen von Regierungen und staatlichen Stellen, Daten der Vereinten Nationen und Informationen von Minenräumorganisationen ein.
Fischer ist sich sicher: Auch wenn die diesjährige Opferzahl mit 1.063 Getöteten und Verletzten erschreckend hoch sei, bilde sie dennoch nicht die ganze traurige Wahrheit ab.
Es ist ja nicht nur der einzelne Mensch, der getötet oder verletzt wird, Opfer einer solchen Waffe. Sondern es sind ja auch die Familien. Wenn zum Beispiel ein Bauer auf dem Land getötet wird, dann verliert die ganze Familie den Ernährer. Oder es gibt langfristig betroffene Regionen, zum Beispiel in Laos - da wissen die Menschen: Dort liegen tödliche Waffen, es kommt aber niemand, weil zu wenig Geld da ist, um zu räumen. Das heißt, das Feld ist langfristig nicht zu nutzen von Menschen, die in relativer Armut leben und das Feld dringend brauchen.
Staaten investieren mehr in Waffen
Apropos Geld: Das fehlt den Hilfsorganisationen, die gegen Streubomben kämpfen und sich um Streubomben-Opfer kümmern, mehr und mehr. Unter anderem auch weil mittlerweile viele Länder ihr Geld eher in Waffen als in humanitäre Projekte investierten.
Davon entmutigen lässt sich Fischer genauso wenig wie ihre Mitstreiter von der internationalen Koalition gegen Streumunition.
Vor allem haben wir immer bei unseren Konferenzen Überlebende von Streumunition dabei, die beschlossen haben: 'Ich will mich dafür engagieren, dass es anderen nicht so geht wie mir.' Und wenn diese Menschen, die so viel verloren haben und denen es so schlecht geht eigentlich, die Kraft haben, sich trotzdem zu engagieren, dann ist es auch für alle anderen unglaublich motivierend.




