IG-Nobelpreise in Zürich Unterhosen verbuddeln für die Wissenschaft
Erst lachen, dann nachdenken: Um einen Ig-Nobelpreis zu bekommen, muss ein Forschungsthema lustig wirken - aber trotzdem etwas Ernsthaftes dahinterstecken. Dieses Jahr wird der Preis zum ersten Mal in Zürich vergeben.
Der Ig-Nobelpreis wirkt auf den ersten Blick vielleicht wie Satire oder sogar Spott. Selbst der Name hört sich danach an: Ein Wortspiel mit dem wohl bekanntesten Wissenschaftspreis, dem Nobelpreis, und dem englischen Wort "ignoble", etwa schändlich oder unehrenhaft.
Doch er ist das genaue Gegenteil: Er soll das Interesse an Forschung wecken, Menschen anregen, sich mit Wissenschaft zu beschäftigen, und gleichzeitig Forschende dafür belohnen, auch über den Tellerrand zu blicken.
Ein Preis geht auch nach Jena
Wie der Preis das schafft? Mit Humor. Ausgezeichnet werden Forschende, die sich mit lustigen oder absurd klingenden Themen beschäftigen, etwa einem wissenschaftlich perfekten Rezept für den Pasta-Klassiker Cacio e Pepe oder der Entwicklung einer Technik, um nüchterne und betrunkene Würmer voneinander zu trennen.
Der diesjährige Preis für "olfaktorische Wahrnehmung", also den Geruchssinn, geht unter anderem an Ilona Croy, die mit ihrer Arbeitsgruppe der Klinischen Psychologie an der Universität Jena den Einfluss des Geruchssinns auf zwischenmenschliche Beziehungen untersucht. Ausgezeichnet wird eine Studie, die zeigt, dass Eltern mit zunehmendem Alter ihrer Kinder immer weniger Gefallen an deren Körpergeruch finden. Kurz: Babys riechen gut, Teenager weniger.
Schweißproben aus dem Tiefkühlschrank
Dieses Ergebnis hat - gewollt oder ungewollt - Humor. Eltern mit pubertierenden Kindern denken sich vielleicht "Endlich gibt es den wissenschaftlichen Beweis!" Damit ist die erste Bedingung für einen Ig-Nobelpreis gegeben: Erst lachen…
Dass ihre Forschung als lustig aufgefasst werden kann - damit hat Ilona Croy gerechnet. Seit Jahren kämen regelmäßig Menschen in ihr Labor, um an Schweißproben aus dem Tiefkühlschrank zu schnüffeln. "Ich habe vermutet, dass das absurd wirkt", sagt sie.
Ernst genommen trotz Humor
Aber Forschung muss auch seriös sein, um ausgezeichnet zu werden. Croy und ihre Kollegen spekulieren in der Studie, dass der Geruch etwas mit der Bindung zu tun haben könnte. Außerdem zeigen sie, dass bestimmte hormonelle Entwicklungsschritte einen Einfluss auf ihren Körpergeruch haben - etwas, was zukünftige Studien zum Körpergeruch von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen sollten. Damit erfüllt die Studie auch die zweite Ig-Nobel-Bedingung: …dann nachdenken.
Croy findet auch nicht, dass ihre Forschung durch den Humor des Preises weniger ernst genommen wird. Denn für sie stellt der Preis in den Vordergrund, was Forschung ausmacht: "Neugier, Freude am Experimentieren und im besten Fall auch eine gewisse Portion Verrücktheit".
Unterhosen zeigen Bodenqualität an
Auch Franz Bender und sein Team von der Universität Zürich werden dieses Jahr mit einem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet, für die Studie "Bewertung der Bodengesundheit mithilfe von vergrabenen Baumwollunterhosen und unter Mitwirkung von 1.000 Citizen Scientists". 1.000 Schweizerinnen und Schweizer verbuddelten dafür Baumwollunterhosen im Garten, auf dem Feld oder auf Wiesen.
Der Verwitterungszustand der Unterhose nach zwei Monaten gibt Rückschlüsse darauf, wie viele Mikroorganismen sich im Boden befinden, und damit die Bodenqualität - je weniger von der Unterhose übrig ist, desto besser ist der Boden.
"Forschung und Spaß müssen sich nicht ausschließen"
Dass "Unterhosen vergraben" mindestens ein bisschen absurd klingt, ist Absicht. "Jede und jeder, der davon hört, fragt sich zunächst, wieso Unterhosen? Damit haben wir das Interesse geweckt", sagt Bender. Ganz nach dem Motto des Ig-Nobelpreises: Erst lachen, dann nachdenken. "Daher ist der Preis sehr passend", so Bender. "Auch wir als Forscher lachen gerne. Ich denke, seriöse Forschung und Spaß müssen sich nicht ausschließen."
Das Projekt inspirierte etliche Nachahmer, zum Beispiel auch das Forstamt Hachenburg in Rheinland-Pfalz. Wer selbst eine Unterhose verbuddeln möchte, kann zudem seine Daten über eine App, die aus dem Projekt entstanden ist, auswerten und teilen.
Neben wohlriechenden Babys und den verbuddelten Unterhosen wurden dieses Jahr acht weitere Arbeiten ausgezeichnet, zum Beispiel die Erkenntnis, dass Menschen, die der Oberschicht angehören, eher dazu neigen, Süßigkeiten von Kindern zu klauen - oder die Erforschung der Aerodynamik des Schnäuzens.
"Hör bitte auf, mir ist langweilig!"
Überreicht werden die zehn Preise bei der jährlichen Zeremonie einige Wochen vor den echten Nobelpreisen, also Anfang, Mitte September. Mit der Ernsthaftigkeit anderer Wissenschaftspreise hat diese Zeremonie allerdings wenig zu tun.
Das Publikum ist aufgerufen, die Preisträger mit Papierfliegern zu bewerfen, die Dankesreden werden nach genau einer Minute von einem kleinen Mädchen unterbrochen - mit den Worten "Hör bitte auf, mir ist langweilig!" - und zwischendrin wird eine etwa viertelstündige Mini-Oper aufgeführt, dieses Jahr zum Thema Pilze.
10 Billionen Dollar Preisgeld - fast
Zu gewinnen gibt es eine Skulptur, die "aus billigen Materialien gemacht ist und dazu neigt auseinanderzufallen" - dieses Jahr ein Fuß, aus dem Pilze wachsen - sowie eine 10-Billionen-Zimbabwe-Dollarnote, aus der Zeit der Hyperinflation in Zimbabwe - umgerechnet weniger als fünf Cent wert.
Auch der Name der Zeremonie trägt einen Witz in sich: Seit 1991 ist es demnach jedes Jahr aufs Neue die "erste" Zeremonie - dieses Jahr die "36. Erste Jährliche Ig-Nobelpreis-Zeremonie".
Eine Verbindung zum Namensgeber der Ig-Nobelpreise gibt es aber: Alle Preise werden von Nobelpreisträgern überreicht. Ein Zeichen dafür, dass der "Spaß"-Preis doch auch einen gewissen Stand in der Wissenschaft hat. Selbst im renommierten Fachmagazin Nature wird die Verleihung als "wohl der Höhepunkt im Wissenschaftskalender" bezeichnet.
Einreise in die USA möglicherweise unsicher
Zum ersten Mal in der mittlerweile 36-jährigen Geschichte findet die Zeremonie nicht an der Universität Harvard statt. Dem Gründer des Preises Marc Abrahams zufolge ist eine Reise in die USA für viele Forschende mittlerweile zu unsicher. Das könne er nicht guten Gewissens verantworten.
Deshalb findet die diesjährige Zeremonie im Kongresshaus Zürich statt, gemeinsam ausgetragen von der dortigen Universität und der ETH. In Zukunft soll die Preisverleihung an jährlich wechselnden Standorten stattfinden.



