Marokko wählt neues Parlament Wozu noch ein Kreuz machen?

In Marokko wird ein neues Parlament gewählt, doch ein erheblicher Teil der Macht bleibt beim König. Gerade junge Marokkaner sehen kaum Perspektiven mehr für sich. Die Regierung fürchtet eine geringe Wahlbeteiligung.

Marokkos Innenministerium wählt eine recht blumige Sprache, um die Bevölkerung mittels eines Fernsehspots zum Wählen an diesem Mittwoch zu motivieren: "Es ist unsere Zeit, wenn wir das Beste für uns und unsere Kinder wollen. Wir müssen wählen gehen und uns für unser Vaterland einsetzen. Wir müssen auf unsere Arbeit achten, wir müssen wählen gehen und unsere Meinung sagen. Tropfen für Tropfen blüht das Land auf - mit deiner Stimme werden wir die Zukunft gestalten."

Doch was ist, wenn immer mehr Menschen sagen, sie stünden zwar hinter ihrem Land - aber nicht hinter seiner Politik und müssten also gar nichts? Was ist, wenn immer weniger zur Wahl gehen?

Diese Frage hat Marokkos führende Parteien im zurückliegenden Wahlkampf besonders beschäftigt. Der Generalsekretär der konservativen Partei Istiqlal, Nizar Baraka, warnte am Wochenende vor Verhältnissen wie im verfeindeten Algerien wo in diesem Jahr nur noch ein Fünftel der Wahlberechtigten zur Abstimmung gingen. Marokko sei dagegen ein demokratisches Land, sagte Baraka, es sei ein Land der Institutionen, ein Land der Bürgerinnen und Bürger, die an die Institutionen ihres Landes glaubten und ihr Vertrauen in sie zum Ausdruck bringen wollten. Und dann malte er den Teufel an die Wand: "Wir wollen nicht auf das Niveau Algeriens sinken."

Foto König: König Mohammed VI. bleibt die entscheidende Figur in Marokko. Das schmälert die Bedeutung der Volksvertretung.

Immer weniger lassen sich registrieren

Das ändert wenig an den bekannten Fakten: Mit nur 15,8 Millionen Wählerinnen und Wählern haben sich in diesem Jahr in Marokko zwei Millionen weniger Menschen zur Wahl registrieren lassen als noch 2021. Es sind nur noch etwas mehr als die Hälfte der eigentlich 28 Millionen Wahlberechtigten. Und es ist keineswegs ausgemacht, wie viele der registrierten Wählerinnen und Wähler am Ende tatsächlich wählen gehen.

Denn alle wissen: Das Parlament hat begrenzte Befugnisse. Die Entscheidungen werden im Palast getroffen. Auch wichtige Ministerposten - Außen-, Innen- und Religionsminister - werden durch das Königshaus besetzt.

Frauen sind unter ihnen mit knapp 25 Prozent eine Minderheit im Parlament, was nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht und die Wahlbegeisterung ebenfalls dämpfen könnte.

Die 29-jährige Lehrerin Soumaya Fikri aus Casablanca vertreibt über Instagram Sprachkurse. Sie hat mehr als 160.000 Follower und steht mit vielen jungen Menschen in Kontakt. Nach ihrer Beobachtung grassiert unter Jungwählerinnen und Jungwählern eine allgemeine Politikverdrossenheit:

Ich bin so enttäuscht von den Leuten, die die Macht ausüben, mehrheitlich Männer aus der älteren Generation. Sie sind total abgehoben von den Jungen und haben keine Ahnung davon, was die Jugend braucht.

Vielfache Perspektivlosigkeit

Es gibt gute Gründe für das Misstrauen. Beispielsweise wurden gegen 30 der 395 Parlamentsabgeordneten in der vergangenen Legislaturperiode Korruptions- und andere Strafverfahren eingeleitet. Hinzu kommt die wachsende soziale Ungerechtigkeit.

Der Reichtum im Land bleibe sehr ungleich verteilt, sagt Anja Hoffmann, Leiterin der Bündnis 90/Die Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung in Rabat. Während die vorige Generation noch sozialen Fortschritt erlebt und verkörpert habe, verspürten die Jungen heute eine lähmende Perspektivlosigkeit.

Die Reichen würden immer reicher, sagt Hoffmann, und die Armen immer ärmer, das ließe sich messen: "Diese Schere geht noch weiter auseinander, wenn man das ländliche und das urbane Leben vergleicht. Besonders krass ist es für die Jugend und auch für Frauen, die besonders wenig vom Aufschwung profitieren."

Trotz Investitions- und Bauboom, trotz eines beachtlichen Wirtschaftswachstums von vier bis fünf Prozent, kommen vor allem junge Menschen nicht vom Fleck - die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent und mehr. Das Fortschritts- und Wohlstandsversprechen, das lange Zeit für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse vieler Menschen gestanden habe, könne nicht mehr eingelöst werden, sagt Hoffmann.

Die Influencerin Soumaya Fikri teilt diese Auffassung. Vielen sei klar geworden sei, dass sie bei der Gestaltung ihrer Zukunft nicht mehr auf Staat und Politik bauen könnten: "Ich denke, Du kannst einen Master haben heutzutage und selbst mit Doktortitel gibt es keine Garantie dafür, dass Du ein auskömmliches Gehalt bekommst und ein gutes Leben führen kannst."

Ein Generationswechsel steht an

Sowohl die GenZ-Proteste aus dem Jahr 2025 als auch die Migrationstragödie von Ceuta Ende Juli werden von Experten als Beweis für mangelndes Vertrauen der Jugend in die Zukunftsversprechen der marokkanischen Politik aufgefasst. 28 Parteien stellen sich dieses Mal zur Wahl, von Links über die Mitte bis hin zu den Islamisten.

Aber sie alle hätten dem Frust der Jugend bislang wenig entgegenzusetzen, bemängelt der renommierte Politikprofessor Mohamed Tozy: "Die politische Klasse ist mehrheitlich alt. Sie genießt unter den Jungen nicht viel Vertrauen. Die Jugend engagiert sich politisch eher nicht, und das Angebot der Politik an die Jugend ist eher mittelmäßig und kann die jungen Menschen nicht begeistern." Es gibt einzelne GenZ-Aktivisten, die sich um einen Parlamentssitz bewerben, aber mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Nach den Wahlen steht nun ein Wechsel an der Spitze der Regierung an, denn der amtierende Premierminister, der Milliardär Aziz Akhennouch von der liberalen Partei Versammlung der Unabhängigen (RNI), tritt nicht mehr an. Vieles deutet nun darauf hin, dass er von Marokkos oberstem Fußballfunktionär abgelöst werden könnte: Fouzi Lekjaa. Der Chef des Nationalen Verbands gilt als einer der Väter des marokkanischen Fußballerfolgs, zwei Mal im WM-Viertelfinale, Platz 6 auf der Weltrangliste. Der 56-jährige ist sehr populär und hat als Staatsminister für den Haushalt obendrein bereits Regierungserfahrung.

Lekjaa selbst kandidiert zwar nicht für das Parlament, Regierungschef kann er dennoch werden. Vor kurzem hat er sich der Partei für Authentizität und Modernität, kurz PAM, angeschlossen. Die PAM bildet mit der RNI und Istiqlal eine Koalitionsregierung. Im Wahlkampf sind sie einander spinnefeind, obwohl sich ihre Programme ähneln.

Jede Menge Versprechen

Wie andere Parteien auch verspricht die PAM nun vor allem den jungen Menschen das Blaue vom Himmel, unter anderem eine Million neuer Arbeitsplätze und 500.000 Arbeitsverträge für junge Menschen. Lekjaa hat als Fußballfunktionär bereits bewiesen, dass er und dass Marokko erfolgreich sein können. Als Regierungschef würde er unter anderem die Ausrichtung der Fußball-WM 2030 zu verantworten haben, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet.

Die damit verbundenen Investitionen sollten helfen, die Wahlversprechen an die Jugend zu erfüllen, erklärte er in einem Interview mit dem französischen Magazin Jeune Afrique. Marokko habe nicht auf den Weltcup gewartet, um seine großen Investitionsprojekte zu starten: "Aber wir haben einige deswegen vorgezogen. Das wird das Wachstum ankurbeln, Beschäftigung schaffen und die Einbindung der Jugend beschleunigen."

Die Einbindung der Jugend sei das Ziel, vor allem in den Arbeitsmarkt. Doch ob Marokkos nächste Regierung ihre Versprechen auch wirklich umsetzen wird, daran haben viele Menschen ihre Zweifel. Ob sie ihre Zweifel überwinden und wählen gehen, das wird der Wahltag zeigen.