Jugendproteste "Sie meinen es jetzt wirklich ernst"
Steigende Preise, marode Schulen, fehlender Dialog: Im Interview erklärt der Protestforscher Florian Staudt, warum junge Menschen in Europa protestieren - und was die Politik aus seiner Sicht jetzt tun sollte.
tagesschau24: Erst Frankreich und Italien, jetzt Deutschland. Erleben wir gerade eine europäische Protestbewegung der jungen Generation?
Florian Staudt: Ja, in der Tat. In ganz, ganz vielen Ländern begehren junge Menschen auf und treten für ihre Sorgen und Frustrationen und Ideen und Forderungen ein. Und wir sehen tatsächlich einige Parallelen in den Forderungen, beispielsweise gegen gestiegene Lebenshaltungskosten und marode Bildungssysteme. Aber es gibt auch tatsächlich spezifische Forderungen in den einzelnen europäischen Staaten.
tagesschau24: Viele dieser Themen beschäftigen die junge Generation schon seit Jahren. Warum entlädt sich ihre Unzufriedenheit gerade jetzt auf den Straßen?
Staudt: Ich glaube, dass sie nicht den Eindruck haben, dass ihre bisherigen Bemühungen über strukturierte Beteiligungsformate aber auch über Demonstrationen gehört werden, und dass es jetzt eine größere Demonstration braucht, um hier verstärkt sozusagen ihre Forderung auf die Straße zu tragen.
Bewusst ist ja auch an einigen Stellen zu lesen, die Jugend ist wütend. Also sie meinen es jetzt wirklich ernst und sie fordern jetzt wirklich ernsthafte Gesprächsangebote von politischen Verantwortlichen.
tagesschau24: Und wie groß ist die Chance, dass die Politiker sich genau diesen Angeboten stellen werden?
Staudt: Das ist, finde ich, eine sehr entscheidende Frage. Ich fand es ein wenig bezeichnend, dass die ersten Reaktionen, die wir von politisch Verantwortlichen gehört haben, Warnungen waren vor Gewalt, sozusagen Einschränkungen, auch Pauschalverurteilungen, dass alle Protestierenden sozusagen, die auf die Straße gehen, gewalttätig seien. Ich glaube, das ist ein fatales Signal.
Ich glaube, man sollte es als Chance begreifen für politische Verantwortliche, dass nun ernsthafte Gesprächsangebote gibt. Auch hier, finde ich, lohnt ein Blick über den Rhein nach Frankreich, die zum Beispiel eine Plattform, eine Umfrage sozusagen, geschaltet haben, damit Schülerinnen und Schüler, Studierende ihre legitimen Forderungen dort eingeben können. Und es ist zumindest ein kleines positives Signal, dass die Bundesbildungsministerin heute erste Anzeichen der Dialogbereitschaft mitgeteilt hat.
tagesschau24: Was würden Sie sagen? Werden die Jugendlichen jetzt gehört oder ist das erst einmal der Anfang in Deutschland?
Staudt: Ich glaube tatsächlich, es ist der Anfang und wir müssen natürlich die Proteste abwarten, wie groß sie nun werden. Es ist schwer zu beurteilen, wie groß der Mobilisierungsgrad am Ende sein wird, aber ich hoffe doch sehr darauf, dass die Demonstrationen friedlich bleiben und dass die Forderungen im Fokus stehen und dass wir dann im Anschluss schnell in diese Gespräche kommen, damit die legitimen Forderungen gehört werden.
tagesschau24: Sie haben sich ja auch intensiv mit den Protesten in Frankreich beschäftigt. Dort haben wir teils sehr heftige Ausschreitungen erlebt. Was unterscheidet denn die französische Protestkultur von der deutschen?
Staudt: Es gibt große Unterschiede in der Kultur. Die französische Protestkultur ist einfach konfrontativer, auch vor dem Hintergrund des politischen Systems. Es ist ein Zentralismus, wir sind in Deutschland föderal organisiert, auch beispielsweise beim Thema Bildung. Also das heißt, die Wut in Frankreich entlädt sich massiv auf den Zentralstaat und über die Jahre hinweg ist dort auch eine massive Wut entstanden mit Blick auf die großen Themen: soziale Ungleichheit, soziale Gerechtigkeit.
So weit sind wir in Deutschland noch nicht. Beispielsweise ist die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich doppelt so hoch wie in Deutschland. Ich sehe einfach die Voraussetzungen in Deutschland nicht, dass die Ausschreitungen so groß werden wie in Frankreich. Aber nichtsdestotrotz gibt es Gemeinsamkeiten und auch hier in Deutschland gibt es legitime Forderungen, die die jungen Menschen nach vorne tragen.
Das Gespräch führte Damla Hekimoğlu für tagesschau24. Es wurde für die schriftliche Version gekürzt und redaktionell bearbeitet.



