Druckmittel Reisepässe Taliban wollen mehr Diplomaten in Europa
Die in Afghanistan herrschenden Taliban erhöhen nach NDR-Recherchen den Druck auf zahlreiche EU-Staaten, um eigene Diplomaten entsenden zu können. Das Druckmittel: Reisepässe.
Es ist viel los in diesen Wochen vor der afghanischen Botschaft im Berliner Stadtteil Grunewald. Jeden Tag stehen Dutzende Schlange vor dem Eingang zur Konsularabteilung. Es sind Menschen, die Reisepässe benötigen, Erbscheine, Geburtsurkunden.
Die bekommen sie hier, denn die Botschaft wird inzwischen faktisch von einem Vertreter der Taliban geleitet, einem Mann, der einen kurzen Draht nach Kabul hat. Der ist nämlich notwendig, damit solche wichtigen Dokumente ausgestellt werden können. Der Grund, weshalb bislang auch viele Afghaninnen und Afghanen aus Nachbarländern Deutschlands hierherkamen - aus Belgien, Frankreich, der Schweiz oder Österreich.
Doch vor einigen Wochen war plötzlich Schluss. Wer nicht in Deutschland lebt, bekommt inzwischen keine Papiere mehr - Anweisung aus Afghanistan. "Es ist ein Problem, dass sie keine Anträge aus anderen Ländern mehr annehmen. Sie wollen damit Druck auf die Menschen ausüben", sagt Hamid Kabiri, Ex-Diplomat und Regimegegner: "Und zudem üben sie auch Druck auf andere Regierungen aus, damit diese ihre Diplomaten akzeptieren, wie es Deutschland getan hat."
Regimegegner in den Botschaften
Das Ziel der Taliban ist klar: Auch die EU-Nachbarn Deutschlands sollen Konsularbeamte der Radikalislamisten akzeptieren - wie die Bundesregierung es seit vergangenem Jahr tut. Noch aber sind die afghanischen Botschaften in Brüssel, Paris, Genf oder Wien in der Hand von Diplomaten, die vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 entsandt worden waren und die Regimegegner sind. Diese Missionen können jedoch keine Reisepässe und andere wichtige Papiere mehr ausstellen, weil die Taliban sie praktisch isoliert haben.
Das sei ein großes Problem für Afghaninnen und Afghanen in diesen Ländern, sagt Nazifullah Salarzai, afghanischer Botschafter in Belgien und Gegner der Taliban: "Reisepässe und konsularische Dokumente sind unerlässlich. Der Entzug oder die Einschränkung des Zugangs zu diesen Dienstleistungen würde die Schwierigkeiten, mit denen Afghanen in Europa ohnehin schon zu kämpfen haben, nur noch weiter verschärfen."
Taliban wollen Kontrolle
Botschafter Salarzai selbst kennt die Direktive aus Kabul nicht, denn seine Botschaft hat keine Verbindung mehr zum dortigen Außenministerium. Aber erstaunlich sei so ein Vorgehen der Taliban nicht:
Sie haben seit 2021 konsequent versucht, die afghanischen diplomatischen und konsularischen Vertretungen im Ausland unter ihre Kontrolle zu bringen. Ich gehe davon aus, dass sie vor keinen Mitteln - einschließlich konsularischer und administrativer Maßnahmen - zurückschrecken werden, um Druck auf Vertretungen auszuüben, die sich weigern, sich ihrer Autorität zu unterwerfen.
Schon im vergangenen Mai hatte tagesschau.de darüber berichtet, dass die Taliban weitere Diplomaten nach Europa schicken wollen. Im Juni war eine Delegation der Radikalislamisten in Brüssel zu Gesprächen mit EU-Staaten. Es ging um die Frage, wie man Abschiebungen nach Afghanistan beschleunigen kann.
Die Forderung der Taliban war schon damals: Jeder Staat, der eine Vereinbarung dazu treffen will, müsse einen oder mehrere Konsularbeamte aus Kabul akzeptieren. Deutschland hatte bereits im Sommer 2025 zwei Diplomaten ins Land gelassen, weil vor allem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die im Koalitionsvertrag verankerte "Abschiebeoffensive" vorantreiben wollte.
"Vorbild" Deutschland
Bald aber zeigte sich, dass die nach Deutschland entsandten Taliban-Vertreter sich nicht damit begnügten, Dokumente für Abschiebungen auszustellen. Sie übernahmen binnen kurzem das Regiment in der afghanischen Botschaft in Berlin und im Generalkonsulat in Bonn. Was also passiert, wenn man es wie die Bundesregierung macht, wird man in anderen europäischen Hauptstädten wissen.
Seit dem Taliban-Besuch in Brüssel hat jedenfalls kein weiterer EU-Staat solche Absprachen wie Deutschland getroffen. Das könnte der Grund sein, warum die Taliban nun Druck machen, indem sie ihren eigenen Landsleuten Pässe vorenthalten. Die afghanische Botschaft in Berlin hat eine NDR-Anfrage nicht beantwortet.
Taliban-Delegation abgereist
Eine Ende August in Deutschland eingetroffene Taliban-Delegation hat Deutschland nach NDR-Informationen vergangene Woche wieder verlassen - in Richtung Afghanistan. Die drei Vertreter des afghanischen Außenministeriums hatten die afghanische Botschaft in Berlin und die Generalkonsulate in Bonn und München besucht. Sie sollten dort laut Auswärtigem Amt die "technischen Voraussetzungen" schaffen, um Abschiebungen zu erleichtern.
Den Recherchen zufolge hatten die drei Taliban offenbar auch Aufträge aus Kabul mitgebracht. Sie sollten demnach sicherstellen, dass die hohen Einnahmen der afghanischen Konsulate im Sinne der Radikalislamisten verwendet werden. Und sie ließen umgehend deutsche und alte afghanische Flaggen in den Räumen der Botschaft in Berlin und des Generalkonsulats in München abhängen. Nur vor den Gebäuden blieb die alte afghanische Flagge hängen. Würde man die austauschen gegen die weiße Flagge der Taliban, dann gebe das Ärger mit den Deutschen, hieß es. Und den wolle man vermeiden.





