Meinungsfreiheit an Universitäten Warum in den USA viele ihre Meinung lieber für sich behalten
Offene Debatten und politische Diskussionen: Meinungsfreiheit gehört zum nationalen Selbstverständnis der US-Amerikaner. Doch Studien zeigen: An den Universitäten behalten immer mehr ihre Ansichten lieber für sich.
Meinungsfreiheit gehört zum amerikanischen Selbstverständnis. Das First Amendment - der Erste Verfassungszusatz - schützt das Recht auf freie Rede. Für neun von zehn Amerikanern ist er ein Grundpfeiler der Demokratie. Trotzdem haben immer mehr das Gefühl, dass sie ihre Meinung nicht mehr unbefangen äußern können.
Viele lassen es gleich bleiben - wie Raya und Muhammad, die beide an der Universität Dallas in Texas studieren. Muhammad sagt: "Über Politik sprechen wir kaum, einfach, weil wir Studenten darauf wenig Einfluss haben." Raya ergänzt: "Für uns ist wichtiger, respektvoll miteinander umzugehen und uns nicht von politischen Ansichten spalten zu lassen."
Politik ist für die beiden Studierendenvertreter somit kein Thema. Offiziell schützt die Universität die freie politische Meinungsäußerung ihrer Studierenden. In Gesprächen auf dem Campus entsteht jedoch bei einigen der Eindruck, dass politische Diskussionen eher vermieden werden.
Sind Universitäten noch die freien Orte wie einst?
Doch genau diese Zurückhaltung beschäftigt auch Wissenschaftler. Der Ökonom Cullum Clark vom George-W.-Bush-Institute in Dallas beobachtet seit Jahren die Entwicklung an amerikanischen Hochschulen. Für ihn stellt sich die Frage, ob Universitäten noch die Orte offener Debatte sind, als die sie lange galten. "Universitäten müssen wieder ein Ort werden, an dem alle Ideen Gehör finden und kontroverse Positionen willkommen sind."
Clark sieht die Gefahr, dass politischer Druck und zunehmende ideologische Lagerbildung den offenen Austausch erschweren: "Amerikas Universitäten waren lange Orte des freien Denkens und der freien Rede. Dogmatismus und Zensur, von welcher Seite auch immer, sehe ich kritisch."
Tatsächlich zeigen aktuelle Studien ein wachsendes Unbehagen. Der Anteil der Studierenden, die ihre Meinungsfreiheit für geschützt halten, ist seit 2016 um 30 Prozent gesunken. Gleichzeitig berichten viele, dass sie sich im Hörsaal oder auf dem Campus selbst zensieren.
Selbstzensur - gefühlt verlorene Freiheit
Und das hat nicht erst mit Donald Trumps zweiter Amtszeit begonnen, sagt der Wissenschaftler: "Gerade Anfang der 2020er-Jahre entstand an vielen Universitäten ein Klima von Gruppendenken und Selbstzensur."
Aber diese Selbstzensur beschränkt sich nicht auf die Universitäten. Eine aktuelle Studie der Knight Foundation, einer angesehenen amerikanischen Demokratie- und Medienstiftung, zeigt, dass sich heute nur noch 54 Prozent der Amerikaner frei fühlen, politische Ansichten offen zu äußern.
Gleichzeitig ergab eine Befragung des Freedom Forum, einer Organisation zur Erforschung und Förderung der Meinungsfreiheit, dass 65 Prozent ihre Ansichten aus Angst vor negativen Konsequenzen zumindest teilweise für sich behalten.
"Atmosphäre hat sich verändert"
Auch Brandon, Lehrer und Football-Coach aus Texas, sagt, die Atmosphäre habe sich verändert: "Unter dieser Regierung muss man inzwischen aufpassen, was man sagt. Und zu wem."
Der Lehrer hat das Gefühl, dass politische Äußerungen heute schneller Konsequenzen haben können als früher. Allerdings drohen seiner Erfahrung nach Konsequenzen eher im sozialen oder beruflichen Umfeld als durch staatliche Eingriffe. "Wenn man das Falsche sagt, kann man seinen Job verlieren. Deshalb behalte ich meine Ansichten lieber für mich."
Die Verfassung schützt die freie Rede in den USA weiterhin umfassend vor staatlichen Eingriffen und Schranken. Dieser Verfassungszusatz zum Schutz von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit ist unverzichtbar, sagen neun von zehn Amerikanern. Auch das belegt die Studie des Freedom Forums. Nur fühlen sie sich offenbar immer seltener tatsächlich frei genug, davon auch kontrovers Gebrauch zu machen.




