Nobelpreisträger Hegemann "Ich bin natürlich überwältigt"

Der Algenforscher Peter Hegemann hat Grund zum Feiern: Gemeinsam mit zwei weiteren Forschern erhält er den Medizin-Nobelpreis. In den tagesthemen berichtet er vom Nutzen der Optogenetik - und fordert mehr Mut von der Politik.

tagesthemen: Vielleicht hatten Sie von diesem berühmten Anruf des Nobelkomitees ja zuvor schon mal geträumt - aber heute Morgen kam er dann tatsächlich. Und jetzt, ein paar Stunden später: Wie stark müssen Sie sich noch immer zwicken?

Peter Hegemann: Ich bin natürlich überwältigt. Und man weiß am Anfang gar nicht, wie man damit umgehen muss. Und der Tag heute war ziemlich turbulent. Aber allmählich hat sich das bei mir etwas gesetzt. Und ich denke schon, dass es irgendwie real ist.

tagesthemen: Ihre Forschung, so das Nobelpreiskomitee, habe "unser Verständnis des Gehirns grundlegend verändert". Lässt sich das so zusammenfassen? Sie und die beiden anderen Nobelpreisträger haben ja buchstäblich Licht ins Dunkel des Gehirns gebracht.

Hegemann: Ja, Licht ins Dunkel kann man in gewisser Weise sagen. Aber das gilt sicher für das Fliegengehirn, das man belichten kann, oder das Zebrafischgehirn. Beim Mausgehirn wird es schon schwieriger - und das menschliche Gehirn ist weitgehend dunkel. Wenn Sie da optogenetisch arbeiten wollen, müssen Sie einen Lichtleiter ins Gehirn reinstecken und dann können Sie ein kleines Volumen von ein bis fünf Quadratmillimetern belichten. Mehr nicht.

"Eine Technologie, die man sich lange gewünscht hat"

tagesthemen: Und doch führt das dazu, dass man einen besseren Überblick schaffen kann, wo welche Bereiche wie funktionieren im Gehirn. Das ist doch im Prinzip das, wofür Sie ausgezeichnet wurden, oder?

Hegemann: Ja, das ist natürlich eine Technologie, die man sich lange gewünscht hat, dass man einzelne Zellen in einem großen zellulären Verband aktivieren kann oder auch inaktivieren, um zu sehen, wofür sie gut sind und wofür nicht. Das heißt, funktionale Studien wurden durchgeführt, sodass man jetzt einzelne Zellen im Gehirn, im Hippocampus, Hypothalamus, präfrontalen Cortex besser menschlichen Funktionen zuordnen kann und weiß, was die bei Patienten tun und was sie vielleicht nicht tun.

tagesthemen: Und das ist genau der Grund, weshalb sie heute ausgezeichnet wurden. Aber Stichwort Patienten: Wie berechtigt sind denn die Hoffnungen, die sich Patienten mit etwa Parkinson, Epilepsie oder Schizophrenie machen können, dass ihre Grundlagenforschung dann auch wirklich zu neuen Therapien führt?

Hegemann: Ja, es ist immer die Wunschvorstellung der Politiker und der Journalisten, dass das gleich zu Therapien führt. Aber Sie wissen ja von anderen Krankheitsbildern, dass es Jahre oder Jahrzehnte dauert, bis man die richtig versteht. Und das Verständnis ist das, was durch diese Technik gefördert wird. Die Therapie ist noch mal eine andere Sache.

"Das war ein langjähriger Prozess"

tagesthemen: Es klingt jetzt so bescheiden, wenn Sie es so darstellen, als wäre das nichts Besonderes. Aber Sie haben dieses Werkzeug ja Forschenden zur Hand gegeben, die damit überhaupt erst Therapiemöglichkeiten ausloten können. Das ist der große Erfolg Ihrer Grundlagenforschung.

Hegemann: Ich bin ja selber eigentlich kein Neurowissenschaftler, ich bin Algenforscher. Wir haben uns mit den Lichtreaktionen von Grünalgen beschäftigt und dabei einen lichtaktivierten Kanal entdeckt und charakterisiert, der einige Jahre später dann hauptsächlich durch Karl Deisseroth in die Neurowissenschaften eingebracht werden konnte. Also war das ein langjähriger Prozess und das hat eine Zeit gedauert, bis es sich als Werkzeug verbreitet hat - zuerst in den USA, leider Gottes, aber jetzt auch weitgehend in Deutschland und verschiedenen anderen europäischen Ländern. Und man ist dann schon im Nachhinein überrascht, wie eine Algenforschung letzten Endes zu einem präklinischen Forschungsfeld und möglicherweise auch zu einer Therapie führen kann.

tagesthemen: ...und jetzt zu einem Nobelpreis. Inwieweit ist dieser Erfolg auch ein Erfolg für die deutsche Wissenschaft und den Forschungsstandort Deutschland insgesamt?

Hegemann: Es ist natürlich ein Erfolg und es freut mich besonders, dass hier die beiden Universitäten Würzburg und die Humboldt-Universität geehrt wurden mit den Preisträgern. Das ist nicht so selbstverständlich, dass diese Art Forschung an Universitäten durchgeführt wird. Die meisten Auszeichnungen kommen von der Großforschung, die natürlich viel großzügiger alimentiert wird. Aber es freut mich sehr, dass die Humboldt-Uni und auch die Forschungslandschaft in Berlin mit mir zusammen geehrt werden.

"Es wird zu viel in das investiert, was wir eh schon wissen"

tagesthemen: Was bedeutet das aber insgesamt? Wie stehen der Bildungsstandort, der Forschungsstandort Deutschland auch im Vergleich mit anderen Ländern da?

Hegemann: Deutschland hat den Vorteil gehabt in den letzten 20, 30 Jahren, dass es prädestiniert ist für Grundlagenforschung. Und dazu braucht man ein Vertrauen in die jungen Wissenschaftler, die neue Forschungsfelder anstoßen, dass sie dann vielleicht nach vielen Jahren oder Jahrzehnten interessante Phänomene aufdecken, die in Anwendungsgebiete umgesetzt werden. Und das sollten die Geldgeber und die Politiker nicht vergessen, dass die Grundlagenforschung die Essenz ist dafür, dass man neue Erkenntnisse zum Vorschein bringt, die letzten Endes zur Anwendung führen.

Meiner Meinung nach wird zu viel in das investiert, was wir eh schon wissen, um noch mehr von dem zu generieren, was wir schon haben. Das übrigens kann Künstliche Intelligenz besser als wir. Aber neue Themen ans Tageslicht zu führen, die bisher unbekannt waren, dazu brauchen Sie Kreativität, dafür brauchen Sie Mut.

tagesthemen: Haben Sie denn den Eindruck, dass junge Wissenschaftler und Forschende hierzulande dieselbe Unterstützung, auch dieselben Chancen haben, die Sie vielleicht in Ihren ersten Schritten vor 20 Jahren hatten?

Hegemann: Leider nicht. Und da sehe ich in verschiedenen europäischen Ländern, dass die Unterstützung der Grundlagenforschung nachgelassen hat. Wirklich neue Forschungsfelder in Angriff zu nehmen, ist schwierig, weil die Tendenz dahin führt, dass immer sofort gefragt wird: Wo ist die Anwendung? Und in drei Jahren sollen die Wissenschaftler zeigen, dass sie ein neues Forschungsgebiet entwickelt haben. Das geht einfach nicht. Das ist zu früh und zu schnell. Man müsste ihnen mehr Zeit geben. Da kann ich nur wieder mein Lieblingsland Norwegen zum Vorbild empfehlen. Da werden längerfristige Doktorandenstellen vergeben, Post-Doktorandenstellen vergeben. Die Organisatoren, die dort Geld vergeben, haben mehr Geduld, als das bei uns immer stärker der Fall ist.

Aber ich bin dennoch besonders der Deutschen Forschungsgemeinschaft sehr dankbar, dass in großer Breite noch Grundlagenforschung unterstützt wird - was auch in Gefahr ist. Ich hoffe, dass nicht zuletzt solche Preise zu der Überzeugung führen, dass Grundlagenforschung wichtig ist.

"Die Industrie muss frühzeitig mit uns in Kontakt treten"

tagesthemen: Denn wenn die fehlt und wenn die Geduld nicht da ist: Welche Auswirkungen hat das in Deutschland?

Hegemann: Dann hat das die Auswirkung, dass wir übers Geld die Sache definieren müssen. Und da können wir mit den großen Institutionen in den USA oder speziell in China ohnehin nicht mithalten. Der deutsche Standort ist deshalb stark, weil er innovatives Denken und innovative Grundlagenforschung bisher nicht nur zugelassen, sondern auch unterstützt hat. Und das sollten wir nicht verlieren. Wir sollten uns nicht auf einen Wettbewerb mit China oder den großen amerikanischen Institutionen einlassen und weiterhin Grundlagenforschung fördern. Dann werden wir auch neue Erkenntnisse ans Tageslicht fördern.

Und da ist natürlich auch mein Appell an die Industrie: Die muss frühzeitig mit uns in Kontakt treten, das ist die Erfahrung aus der Optogenetik. Die Optogenetik in Berlin und in Deutschland ist sicher fünf bis zehn Jahre später gestartet als die Optogenetik in den USA, wo die jungen Wissenschaftler und auch die Geldgeber mehr Mut hatten, das dann auch umzusetzen. Also bei uns scheitert es nicht an der Erkenntnis, bei uns scheitert es am Umsatz von der Erkenntnis in die Anwendung.

tagesthemen: Und wie werden Sie diesen Erfolg jetzt noch feiern?

Hegemann: Na ja, wir werden schon feiern mit unseren Mitarbeitern an erster Stelle und natürlich mit den Kollegen aus Berlin und dem Institut und der Universität. Und natürlich mit Familien und Freunden und besonders mit meiner Frau, die ich hier noch mal erwähnen möchte, die mich seit 44 Jahren unterstützt. Wir werden es genießen. Vielen Dank.

tagesthemen: Herr Hegemann, herzlichen Glückwunsch. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Ingo Zamperoni für die tagesthemen. Es wurde für die schriftliche Fassung angepasst.