Vertrauliches Lagebild BKA zählt bereits 165 mutmaßliche Sabotageakte
Bundesweit gab es in diesem Jahr bereits mehr als 160 Sabotageverdachtsfälle. Zudem wurden mehr als 740 verdächtige Drohnensichtungen gezählt. Das geht aus einem internen BKA-Lagebild hervor, das NDR, WDR und SZ vorliegt.
Die Vorgehensweise ist ungewöhnlich, die Idee allerdings simpel: Selbstgebastelte Geschosse, die wirken wie überdimensionierte Silvesterraketen, werden aus Röhren abgefeuert. Daran hängen Metallhaken und Kupferdrähte, die sich über Hochspannungsleitungen legen - und einen Kurzschluss verursachen. So geschehen am Dienstagmorgen an einem Umspannwerk im brandenburgischen Jänschwalde und tags darauf in Bergheim in Nordrhein-Westfalen.
Mittlerweile ermitteln Staatsanwaltschaften in den Fällen - es geht um Terrorismus oder verfassungsfeindliche Sabotage. Ein Zusammenhang zwischen beiden Taten gilt als wahrscheinlich. Wer die Täter sind, ist bislang noch unklar. Die Anschläge auf die Energieversorgung sind jedoch nur die jüngsten Vorfälle, in denen die Sicherheitsbehörden politisch motivierte oder gar staatlich gesteuerte Attacken vermuten.
NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) liegt ein vertrauliches Lagebild des Bundeskriminalamtes (BKA) vor. Daraus geht hervor, dass die Behörden für das laufende Jahr mit Stand Ende August bereits mehr als 165 Sabotageverdachtsfälle bundesweit registriert haben. Dazu zählen auch "Ausspähungssachverhalte ohne Tatmittel Drohne", wie es in dem Papier heißt. Das Dokument ist aus der Arbeit des Gemeinsamen Abwehrzentrums Hybrid (GAZ-Hybrid) entstanden, das Mitte Juni in Berlin eingeweiht wurde.
24 Ermittlungsverfahren wegen Spionage
Der Generalbundesanwalt und die Schwerpunktstaatsanwaltschaften der Bundesländer, schreibt das BKA, hätten in diesem Jahr zudem bislang 24 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet. In zwölf Verfahren geht es demnach um Cyberspionage. Hinzu kommen 40 weitere Prüfvorgänge in diesen Deliktsfeldern.
Die Polizeien in Bund und Ländern sollen laut BKA seit Jahresbeginn insgesamt 112 Straftaten mit Bezug zu Spionage festgestellt haben: Mehr als 60 Mal ging es dabei um das sogenannte sicherheitsgefährdende Abbilden, also beispielsweise das unerlaubte Fotografieren oder Filmen von militärischen Einrichtungen oder Rüstungsgütern. In 26 weiteren Delikten wird sogar Agententätigkeit zu Sabotagezwecken vermutet.
Schwerpunktregionen der Spionagevorfälle sind laut BKA in diesem Jahr bislang: Brandenburg mit 23 Straftaten, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mit je 21 Taten, und Niedersachsen mit 15 Delikten.
Auch die Zahl verdächtiger Drohnensichtungen bleibt auf einem hohen Niveau. So wurden laut Lagebild bundesweit von Januar bis Ende August 747 Vorfälle registriert: Dabei zählte man 1.068 Drohnen über Anlagen der kritischen Infrastruktur, militärischen Einrichtungen und Rüstungsunternehmen. In 2025 wurden insgesamt rund 1.300 Drohnen-Sachverhalte gemeldet.
Nur selten gelang es bislang, Drohnenpiloten ausfindig zu machen. Oft stellte sich dann heraus, dass die Überflüge keinen Spionagehintergrund hatten. Im Juli allerdings wurde ein Moldauer in Bayern festgenommen, der mit einer Drohne das Rüstungsunternehmen KNDS ausgespäht haben soll. Die Ermittler vermuten, dass er im Auftrag staatlicher Stellen in Russland gehandelt haben könnte.
Vorfall an Erdgasaufbereitungsanlage
Am 9. August kam es nach Informationen von NDR, WDR und SZ in Niedersachsen zu einem ungewöhnlichen Vorfall: An einer Erdgasaufbereitungsanlage in Großenkneten im Landkreis Oldenburg wurden nachts Drohnen gesichtet. Ein Wachmann fuhr auf der Suche nach den Piloten mit seinem Auto am Zaun der Anlage entlang. Er soll zwei dunkel gekleidete Personen entdeckt und angesprochen haben.
Die Tatverdächtigen "schlagen daraufhin den Kopf des Wachmannes auf die Motorhaube", heißt es in einem Polizeibericht. Der Wachmann sei anschließend zu Boden gestürzt. Die verdächtigen Personen hätten Sturmhauben und Handschuhe getragen und seien geflohen. Eine Fahndung sei erfolglos verlaufen.

