Fachkräfte fehlen Was den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland ausmacht
Ostdeutschland bietet viel Platz für neue Fabriken. Doch ausgerechnet dort, wo neue Industriearbeitsplätze entstehen könnten, fehlen zunehmend Fachkräfte. Ökonomen sehen dennoch Chancen.
Der Ökonom Stephan Kemper von der französischen Großbank BNP Paribas muss nicht lange überlegen: "Vieles spricht für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland." Die Immobilienpreise seien relativ niedrig. Es gebe eine gute Anbindung Richtung Osteuropa. Polen etwa sei ein stark wachsendes Land, einige andere Staaten auch. "Das sind interessante Märkte, die man von Ostdeutschland aus gut bedienen kann", so Kemper.
Subventionen locken
Für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland spricht auch, dass es dort im Vergleich zu vielen westlichen Bundesländern noch viel freie und bereits erschlossene Flächen für Industrieansiedlungen gibt. Hohe Subventionszahlungen locken. Und was die Energieversorgung betrifft: Der Wandel hin zur Nutzung Erneuerbarer Energien ist in einigen Regionen schon ziemlich weit fortgeschritten.
"Die ostdeutsche Volkswirtschaft hat in den vergangenen Jahren sehr gut aufgeholt", sagt daher Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle gegenüber der ARD-Finanzredaktion. "Die Ost-West-Brille taugt immer weniger zur Erklärung von Unterschieden."
Internationale Konzerne investieren in der Region
Große, internationale Technologiekonzerne, aber auch Automobilhersteller und Unternehmer aus der Halbleiterbranche investieren Milliarden in die Region. So wurde im März 2022 die Tesla-Gigafactory im brandenburgischen Grünheide eröffnet. Es ist der erste Tesla-Produktionsstandort des US-Herstellers in Europa. Dort werden nicht nur Elektrofahrzeuge, sondern auch Antriebseinheiten und Komponenten gebaut.
Im Dresdner Norden wird eine hochmoderne Halbleiterfabrik hochgezogen. Hauptakteur ist die Taiwan Semiconductor Manufactoring Company, kurz TSMC. Gesamtinvestitionen: über zehn Milliarden Euro. Und auch der Chiphersteller Infineon will seine Produktionskapazität in Dresden verdoppeln und nahm im Juli ein neues Werk in Betrieb.
Dass aus dem geplanten Intel-Werk in Magdeburg nichts geworden ist, hat nichts mit dem Wirtschaftsstandort Ostdeutschland zu tun, sondern mit dem Unternehmen selbst. Der US-Konzern schrieb über mehrere Quartale hinweg tiefrote Zahlen. Daraufhin wurden teure Großprojekte wie die in Magdeburg gestrichen.
Großes Stadt-Land-Gefälle
Wirtschaftsforscher Holtemöller sieht eine große Heterogenität in Ostdeutschland. "Wir haben boomende Regionen wie Leipzig oder Jena. Und wir haben auf der anderen Seite strukturschwache Regionen, vor allem im ländlichen Raum." Dort gebe es zu wenig Unternehmen, zu wenig Arbeitsplätze.
Für Ökonomen wie Martin Lück hat das unter anderem etwas mit fehlendem Unternehmergeist zu tun. "Wir kommen zu selten vom Start-up, von der guten Idee, hin zu einem skalierbaren Geschäftsmodell." Zu wenige solcher Unternehmen werden Lück zufolge so groß, dass sie wirtschaftlich relevant sind und Tausende Arbeitsplätze schaffen.
Ungünstige Demografie
Speziell in den strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland kommt noch etwas anderes hinzu. Dort, wo neue Industriearbeitsplätze entstehen könnten, wo genug Platz für solche Ansiedlungen wäre, leben vor allem ältere Menschen, die nicht mehr im Berufsleben sind. Ein Grund: In den 1990er-Jahren habe es nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie eine sehr hohe Arbeitslosigkeit gegeben - etwa in Sachsen-Anhalt, erklärte Joachim Ragnitz, der Leiter des ifo-Instituts Dresden, kürzlich gegenüber der ARD-Finanzredaktion.
Das Ende der DDR bedeutete für die meisten Ostdeutschen einen radikalen beruflichen Neuanfang. Das zeigt auch eine Studie der Rockwool Foundation Berlin (RFBerlin), die der Nachrichtenagentur Reuters vorlag. Nur 17 Prozent der dortigen Beschäftigten übten demnach im Jahr 1992 noch denselben Beruf aus wie 1989.
Damit erlebten viele "eine berufliche Umwälzung in einem Ausmaß, das Westdeutsche schlicht nicht kannten", so die stellvertretende Leiterin von RFBerlin und Professorin an der Humboldt-Universität Berlin, Alexandra Spitz-Oener.
Abwanderung früher und heute
Viele Leute haben also nach der Wende schlicht keinen neuen Job gefunden. Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland stieg laut Studie bis 1992 von null auf zehn Prozent bei den Männern und sogar auf 20 Prozent bei den Frauen. Viele Menschen seien deshalb damals abgewandert, so ifo-Forscher Raglitz.
Und das scheint auch heute noch ein Problem zu sein. "Die jungen Leute gehen weg", sagt Kemper im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Sie würden ihr Glück eher in den alten Bundesländern oder im Ausland suchen. "Alle Subventionen und die besten Businesspläne nutzen nichts, wenn ich die Arbeitskräfte nicht habe."
Das setzt dann irgendwann eine Negativspirale in Gang, so Kemper. "Je älter eine Bevölkerung wird und je weniger gut ausgebildete junge Menschen ich habe, desto weniger attraktiv werden die Standorte für potentielle Arbeitgeber."
Wirtschaftlicher Aufschwung möglich
Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle rechnet für die kommenden Jahre jedoch nur noch mit geringen Unterschieden in der wirtschaftlichen Dynamik zwischen Ost und West. "Chancen gibt es überall dort, wo man auf Forschung, Entwicklung, Innovationen und Produktivitätssteigerungen setzt." Das sei ein Trend, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu beobachten ist.
Holtemöller zufolge werden neue Arbeitsplätze entstehen. Diese kämen allerdings nicht so sehr aus dem industriellen Umfeld und aus dem Verarbeitenden Gewerbe; dort sei die Beschäftigung schon seit mehreren Jahren rückläufig. Neue Jobs werde es vielmehr in Dienstleistungsbereichen geben.
"Es ist schwer vorstellbar, dass sich dieser Trend umkehren wird", sagt Holtemöller. Er glaubt, dass der Anteil der Dienstleistungen an der gesamten Wertschöpfung zunimmt. "Und die findet eher in den urbanen Ballungsgebieten statt als im ländlichen Raum. Das wird für die kommenden Jahre prägend sein."
Kein ostdeutsches Phänomen
Für Holtemöller macht es ökonomisch wenig Sinn zu versuchen, Arbeitsplätze gezielt in strukturschwache Regionen umlenken. Er plädiert vielmehr dafür, in solchen Gebieten die Daseinsvorsorge sicherzustellen. Dort müsse es Schulen geben, Krankenhäuser und Einkaufsmöglichkeiten.
Das alles sei aber längst kein ostdeutsches Phänomen mehr, betont Holtemöller. Solche Entwicklungen finden demzufolge auch in anderen Bundesländern statt. Zwar sei die demografische Entwicklung, also das Schrumpfen der Anzahl von Personen im erwerbsfähigen Alter, mit all den Folgen in den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands durch die Abwanderung vor 30 Jahren bereits viel stärker ausgeprägt als in den meisten Regionen in Westdeutschland.
In etwa zehn Jahren könne die Bevölkerungsstruktur allerdings im Westen Deutschlands ähnlich aussehen, schätzt der Experte. Der demografische Wandel schreite voran - und damit das schrittweise Ausscheiden der Babyboomer-Jahrgänge aus dem Erwerbsleben.


