Hunger im Jemen Wenn Mehl zum Luxusartikel wird

Selbst alltägliche Lebensmittel wie Mehl sind im Jemen für viele Menschen unerschwinglich geworden. Millionen Menschen hungern, und die Kämpfe mit der Huthi-Miliz im Land machen alles nur noch schlimmer.

Eine Gruppe von Männern umringt einen mit Mehlsäcken beladenen Lieferwagen. Sie rufen, recken eine Hand nach oben, um auf sich aufmerksam zu machen. In der anderen halten sie dicke Bündel mit Geldscheinen. Die Aufnahmen der Nachrichtenagentur Reuters aus der Stadt Taiz zeigen: Mehl ist hier zum Luxusartikel geworden.

"Ein Sack Weizen kostet bei den Händlern derzeit 60.000 jemenitische Rial", klagt einer der Männer. Umgerechnet sind das rund 35 Euro. Vor wenigen Tagen habe der Preis noch mehr als zehn Euro niedriger gelegen. "Wir kennen Familien, die sich nicht einmal ihre tägliche Nahrung leisten können", sagt er weiter.

Unmöglich, Hilfe nach Taiz zu bringen

Auch Samantha Chataraj betont im Gespräch mit der ARD die Dringlichkeit der Situation. "Rund 20 Millionen Menschen - mehr als die Hälfte der Bevölkerung Jemens, haben keinen ausreichenden Zugang zu Nahrungsmitteln." Sie arbeitet für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in der Hafenstadt Aden.

Von hier bis nach Taiz sind es nur rund 200 Kilometer, dennoch ist es derzeit unmöglich, Hilfe nach Taiz zu bringen. "Dort herrschen belagerungsähnliche Zustände, sämtliche Zufahrtswege sind abgeschnitten", so Chataraj. "Von dort hören wir, dass die Vorräte auf den Märkten rapide schwinden." Dies betreffe insbesondere Grundnahrungsmittel wie Weizenmehl. Die Bestände reichen Chataraj zufolge nur noch für wenige Wochen.

Nicht mehr in der Lage zu helfen

Um die Huthi-Miliz aus Orten an der Küste des Roten Meeres zu vertreiben, begann die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition Anfang des Monats eine große Offensive. Die von Iran unterstützten Huthi reagierten mit Angriffen an einer anderen Front. Sie schickten Kämpfer ins Landesinnere - nach Taiz. Inzwischen gilt die Stadt mit rund 800.000 Einwohnern als weitgehend eingekesselt.

Dort keine Hilfe leisten zu können, sei sehr frustrierend, sagt Daniel Nyabera von der Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger. "Als humanitäre Helfer benötigen wir Zugangsmöglichkeiten sowie Sicherheitsgarantien. Wenn uns die verwehrt werden, dann sind wir nicht mehr in der Lage, das zu tun, was unsere Aufgabe ist: Leben zu retten."

Hilfsprogramme unterfinanziert

Auch Nyabera arbeitet von Aden aus. Er kennt das Land seit mehr als einem Jahrzehnt. Er betont, die Kämpfe träfen Menschen, die von Jahren des Krieges ausgezehrt sind. Die Wirtschaft liege am Boden, Arbeitsplätze seien Mangelware und Hilfsprogramme schon seit Jahren unterfinanziert.

"Das hat sich noch weiter verschlechtert", so Nyabera. Etwa durch die Entscheidung der US-Regierung im letzten Jahr, die Finanzierung in Ländern wie dem Jemen einzustellen und die Mittel drastisch zu kürzen, die sie den Vereinten Nationen zur Verfügung stellt.

Die Folgen davon könne man nun im Jemen sehen. "Wenn die Finanzierung fehlt, fehlt auch die Nahrung", betont Nyabera. "Das treibt Menschen, die sich schon in einer Krise befinden, in eine noch extremere Notlage. Und das bedeutet Hunger, denn die Stufe nach einer akuten Notlage ist eine Hungersnot."

Weitere Angriffe

Fehlende Finanzierung ist nicht das einzige Hindernis für die humanitäre Hilfe. In den von den Huthi kontrollierten Gebieten haben die Organisationen der Vereinten Nationen schon im letzten Jahr ihre Arbeit eingestellt. Chataraj vom Welternährungsprogramm erklärt, die Gefahr sei zu groß. "Rote Linien sind überschritten. 73 UN-Mitarbeiter wurden willkürlich festgenommen." Immerhin zwei von ihnen seien in den letzten Tagen freigelassen worden, ergänzt sie.

Chataraj berichtet von heftigen Explosionen in Aden. Die Huthi-Miliz hat Raketen auf den Präsidentenpalast und andere Ziele in der Hafenstadt abgefeuert. Die Angriffe der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition auf Städte unter Kontrolle der Huthi sind nicht weniger intensiv.

Und so lange die Kämpfe andauern, ist auch kein Ende der Hungerkrise in Sicht.