KI und persönliche Finanzen Können Anleger ihr Geld ChatGPT anvertrauen?

Immer mehr Menschen holen sich bei der Geldanlage Rat von ChatGPT oder Claude. Experten sehen in den KI-Anlagetipps durchaus Potenzial, warnen aber auch vor Fehlern und Risiken.

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst auch bei privaten Finanzfragen angekommen. ChatGPT, Claude und andere KI-Modelle können Aktien analysieren, ETFs vergleichen und ganze Wertpapierdepots zusammenstellen. Nach einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom hat bereits jeder vierte Mensch in Deutschland eine KI-Anwendung in finanziellen Angelegenheiten um Rat gefragt.

Eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY kommt zu dem Ergebnis, dass 39 Prozent der Befragten KI bereits nutzen, um ihre Finanzplanung zu optimieren. Allerdings gibt es auch Vorbehalte: Nur knapp ein Viertel fühlt sich wohl dabei, Kontoaktivitäten und Ausgaben mit einer KI zu teilen.

Was Studien über KI-Anlagetipps zeigen

Dabei bescheinigen wissenschaftliche Untersuchungen den KI-Modellen durchaus beachtliche Fähigkeiten. Laut einer Studie des Münchner ifo Instituts konnte die historische Wertentwicklung der Portfolios, die 32 KI-Sprachmodelle empfohlen hatten, mit professionell verwalteten Vergleichsportfolios mithalten.

Auch Forscher der US-Universität Stanford kommen zu dem Ergebnis: KI kann absolut brauchbare Finanztipps liefern. So rieten die Sprachmodelle beispielsweise dazu, finanzielle Rücklagen aufzubauen und das Geld breit gestreut am Aktienmarkt anzulegen. Allerdings hängt die Qualität der Empfehlungen stark davon ab, wie die Nutzer ihre Fragen formulierten.

Warum die richtigen Fragen entscheidend sind

Wie entscheidend die richtigen Eingaben - sogenannte Prompts - sind, betont auch Börsenexperte Joachim Nareike im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. "Dass man sein Alter noch richtig eingibt, ist klar, aber bei der finanziellen Situation hört es meistens schon ein bisschen auf, weil die meisten Leute gar nicht so genau wissen, wie ihre eigene finanzielle Situation tatsächlich ist."

Dabei kommt es für eine passende Anlagestrategie nicht nur darauf an, Einkommen, Ausgaben und vorhandene Rücklagen ganz genau zu kennen. Wichtig ist auch die persönliche Risikobereitschaft: Wie stark dürfen die Kurse zwischenzeitlich fallen, ohne dass Anleger nervös werden und womöglich zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen? Gerade bei der langfristigen Altersvorsorge spielt das eine zentrale Rolle.

ESMA warnt vor Risiken bei KI-Finanzberatung

Doch selbst mit den richtigen Angaben ist Vorsicht geboten: KI kann halluzinieren, also Informationen erfinden oder Zusammenhänge falsch darstellen - und dabei äußerst überzeugend klingen. Das kann zu falschen Anlageentscheidungen und finanziellen Verlusten führen.

Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA warnte deshalb bereits 2025 davor, sich bei der Geldanlage allein auf Chatbots zu verlassen. Deren Empfehlungen könnten auf falschen oder veralteten Informationen beruhen. Zudem unterliegen öffentlich zugängliche KI-Anwendungen nicht denselben gesetzlichen Anforderungen wie zugelassene Anlageberater. Auch bei der Weitergabe persönlicher Finanzdaten sei Vorsicht geboten.

Kann Werbung KI-Anlagetipps beeinflussen?

Ein weiteres Risiko sehen Verbraucherschützer in möglichen wirtschaftlichen Interessen der KI-Anbieter. OpenAI hat in diesem Jahr bereits Werbung in der kostenlosen Version von ChatGPT eingeführt. "Je mehr Verbraucher sich über die KI informieren, desto interessanter wird natürlich auch die KI für Werbetreibende", betont Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.

"Und jetzt ist die Frage: Beeinflusst irgendwann die Werbung von Produktherstellern das Antwortverhalten der KI? Also wird vielleicht eine Lebensversicherung empfohlen, weil man gerade eine Kooperation mit einem Lebensversicherer hat?" OpenAI betont ausdrücklich, dass Werbung keinen Einfluss auf die Antworten von ChatGPT habe. Anzeigen würden getrennt von den eigentlichen Antworten erscheinen und klar gekennzeichnet werden. Werbetreibende könnten die Antworten nicht verändern.

Wo KI Vorteile gegenüber Finanzberatern bietet

Hinzu kommt: Interessenkonflikte sind auch in der klassischen Finanzberatung ein Problem. "Status quo ist ja, dass ganz viele Verbraucherinnen und Verbraucher sich ratsuchend an irgendwelche Vertriebler - Finanzberater möchte ich gar nicht sagen, das sind ja Verkäufer - gewandt haben. Und die haben ihnen dann Produkte verkauft, die teuer waren, unrentabel und nicht funktioniert haben", betont Verbraucherschützer Nauhauser. Er sieht in den Sprachmodellen daher auch eine Chance, könnten sie Anlegern doch ermöglichen, sich kostengünstig und unabhängig zu informieren.

Darüber hinaus lassen sich mit Sprachmodellen auch unterschiedliche Anlageszenarien durchspielen. Kapitalmarktexperte Nareike nennt ein einfaches Beispiel: "Also ganz klassisch: Ich bin 19 und muss bis 67 arbeiten. Wie viel Geld muss ich denn da im Monat anlegen, damit ich Millionär wäre? Das ist sicherlich etwas, wo die KI wirklich helfen kann."

Wie KI den Zugang zu Kapitalmärkten erleichtern kann

Davon könnten gerade Menschen profitieren, die wenig Geld oder kaum Erfahrung mit Wertpapieren haben. Für sie könnte KI die Einstiegshürden am Kapitalmarkt senken. Experte Nareike sieht hier großes Potenzial: "Der Kapitalmarkt wird Menschen geöffnet, die vorher keinen Zugang zum Kapitalmarkt hatten, haben wollten oder haben konnten. Und wenn das ein bisschen spielerisch eingesetzt wird, ist das toll. Sich da hundertprozentig drauf zu verlassen, wäre ein Fehler."

Als Einstieg und Orientierungshilfe kann KI also durchaus nützlich sein. Die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen nimmt sie den Anlegern aber nicht ab.