VW-Chef Blume "Ein Werk zu schließen, ist immer die letzte Lösung"
Schwache Verkäufe vor allem in China setzen dem VW-Konzern zu: Der Gewinn ist kräftig gesunken. Konzernchef Blume will bis Jahresende Klarheit zum Sparkurs schaffen - und weiter an der Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.
NDR: Sie haben sicherlich den schwersten Job in der Industrie derzeit in Deutschland. Muss man mit Ihnen Mitleid haben?
Oliver Blume: Mit mir muss man kein Mitleid haben. Wir sind zwar in anspruchsvollen Zeiten, aber wir wissen ganz genau, was wir tun, haben einen klaren Plan. Und insofern fühle ich mich sehr wohl in dieser Umgebung, weil wir gerade in diesen Zeiten sehr viel bewegen können.
Umfassende Neuausrichtung in den vergangenen Jahren
NDR: Aber zum klaren Plan gehörte, was Sie vor zwei Wochen dem Aufsichtsrat von Volkswagen präsentiert haben: Stellenabbau, möglicherweise Werksschließungen. Die Pläne wurden vom Tisch gefegt. Ist das nicht eine Niederlage?
Blume: Wir müssen zunächst erst mal das Risikoumfeld anschauen, in dem sich die gesamte Automobilindustrie bewegt. Es wird viel über Volkswagen in der Krise gesprochen. Es ist aber eine Krise der gesamten Branche. Der Markt ist in diesem Jahr um 20 Prozent zurückgegangen. Chinesische Hersteller drängen in den Markt. Und dazu kommen noch die US Zölle.
Wir haben den Volkswagen-Konzern in den letzten drei Jahren umfassend neu ausgerichtet. Jetzt geht es um den nächsten Schritt der Transformation. Und da geht es nicht nur um ein Sparprogramm. Es ist das umfassende, tiefgreifendste Transformationsprogramm, das wir je im Volkswagen-Konzern gemacht haben. Es geht vor allem um innovative Produkte, es geht um Technologien, es geht um Wettbewerbsfähigkeit, es geht um Strukturen. Und es geht auch um Wachstum. Und damit befassen wir uns. Wir sind aber fest davon überzeugt, dass es genau der richtige Weg ist, jetzt zu handeln, um uns für die Zukunft sicher aufzustellen.
NDR: Aber wenn der Aufsichtsrat nein sagt - ist es dann Teil Ihrer Strategie, dass Sie dem Gremium eine Mitschuld geben können, wenn es am Ende nicht funktioniert?
Blume: Es ist ein sehr umfassendes Paket, und rund 80 Prozent des Pakets sind nicht zustimmungspflichtig. Wir haben an vielen Stellen bereits begonnen zu arbeiten. Aber wenn es um Werke geht, wenn es um Personal geht, wenn es um Strukturen des Konzerns geht, muss der Aufsichtsrat natürlich am Ende zustimmen. Deshalb sind diese Beratungen ganz besonders wichtig. Wir haben gute, auch kontroverse Diskussionen dazu geführt. Für mich ist wichtig, dass aus so einer Debatte am Ende das beste Ergebnis für den Volkswagen-Konzern herauskommt.
Während seiner beruflichen Laufbahn arbeitete Blume in leitender Funktion unter anderem bei Audi und Seat. 2009 wechselte Blume als Leiter Produktionsplanung zur Marke Volkswagen nach Wolfsburg. 2013 wurde ihm die Verantwortung für das Vorstandsressort Produktion und Logistik der Porsche AG übertragen. Von 2015 bis Ende 2025 war Blume Vorsitzender des Vorstands der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG und seit 2018 ist er Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG.
"Werksschließung ist immer die letzte Option"
NDR: VW hat noch immer eine Überproduktion, und Werksschließungen sind nicht vom Tisch. Sie haben gesagt, es gebe Alternativen. Wie könnten diese Alternativen aussehen? Und wenn die nicht funktionieren: Wie geht es dann weiter mit Betriebsrat, Gewerkschaften, der Politik?
Blume: Wir haben in den letzten Jahren bereits jeweils zwei Millionen Fahrzeuge aus dem Netz genommen und werden jetzt noch eine weitere Million aus dem System nehmen müssen. Denn jede Überkapazität kostet uns Geld. 500.000 davon in China und rund 500.000 in Europa. Damit befassen wir uns aktuell. Für uns steht im Vordergrund, dass unsere Werke untereinander gerade im europäischen Kontext wettbewerbsfähig sind. Und dazu fordern wir jetzt jedes Werk auf. Auch die deutschen Werke.
Ein Werk zu schließen, ist immer die letzte und auch die teuerste Lösung. Deshalb spreche ich immer gern von intelligenten Lösungen, die mit der Wettbewerbsfähigkeit beginnen, und da haben wir noch viele Möglichkeiten. Es gibt aber auch andere Ansätze, dass wir möglicherweise mit anderen industriellen Partnern prüfen, was wir in unseren Werken dort nutzen können, oder auch Produkte, die wir in China entwickelt haben bei Volkswagen. Dass wir da das eine oder andere Produkt in einem Segment nach Europa bringen, in dem wir hier in Europa nicht vertreten sind. Und insofern denken wir breit, und eine Werkschließung ist immer die letzte Option.
"Wir haben sehr konstruktive Gespräche"
NDR: Braucht es in Zukunft mehr Einfluss von Ihnen auf den Konzern - und weniger Einfluss vom Land Niedersachsen?
Blume: Wir haben sehr konstruktive Gespräche. Niedersachsen ist unsere Heimat und wird auch unsere Heimat bleiben. Ich bin in einem sehr guten Austausch mit Ministerpräsident Olaf Lies. Wir machen unser Geschäft, was Aufgabe des Konzernvorstands ist. Olaf Lies macht sein Geschäft, was seine Aufgabe als Ministerpräsident ist. Und insofern ist das eine Tradition bei Volkswagen, die gut funktioniert.
NDR: Stichwort Osnabrück: Klar ist, dass dort die Autoproduktion eingestellt wird. Es heißt, dass ein israelisches Rüstungsunternehmen einsteigen könnte, gestützt durch das Land Niedersachsen. Wie ist da der aktuelle Stand?
Blume: Wir haben in unseren Verhandlungen 2024 vereinbart, dass wir ab 2027 keine Volkswagen-Produkte mehr in Osnabrück fertigen werden. Hier gilt meine Aussage, dass es intelligentere Lösungen gibt, als ein Werk zu schließen: Dort sind wir mit verschiedenen Industriepartnern im Kontakt gewesen und sind im Moment in fortgeschrittenen Gesprächen mit der Rüstungsindustrie. Ich kann im Moment noch keine detaillierteren Aussagen treffen, aber zum Werk in Osnabrück werden wir in diesem Jahr eine Information herausgeben.
Unterstützung für Rüstungsprogramm der Bundesregierung
NDR: Kann es ein Weg aus der Krise sein, sich bei VW mehr auf Rüstung zu verlagern?
Blume: Wir unterstützen das Rüstungsprogramm der Bundesregierung, sehen auch die Notwendigkeit der NATO gerade aufgrund der veränderten geopolitischen Situation, die wir haben. Und wir wollen unser Know-how dort einbringen: Das ist im Wesentlichen im militärischen Transport oder in Verteidigungssystemen.
Was der Volkswagenkonzern nicht macht, ist in Waffen zu investieren. Das ist auch nicht unsere Kompetenz. Wir sehen aber auch, dass gerade in der Rüstungsindustrie großes Interesse an Automatisierung, an qualifizierten Fachkräften da ist.
Ich denke, das ist am Ende eine Win-win-Situation: die Kapazitäten, die wir im Moment zu viel haben, mit unserem Know-how und der Notwendigkeit in der Rüstungsindustrie zu kombinieren. Ich finde, das ist ein sehr sinnvoller Weg.
"Ich muss unser Unternehmen im Blick haben"
NDR: Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie über Werkschließungen sprechen müssen? Wenn Sie sich im Intranet erklären müssen, dass Jobs abgebaut werden?
Blume: Persönlich möchte ich jeden Arbeitsplatz erhalten. Und Werkschließung ist für mich immer die letzte Konsequenz. Ich muss auf der anderen Seite aber auch unser Unternehmen im Blick haben. Und jede Überkapazität kostet Geld, die wir uns in der heutigen Zeit nicht leisten können. Deshalb setze ich in erster Linie immer daran an, dass wir an der Wettbewerbsfähigkeit arbeiten, denn da haben wir noch viele Möglichkeiten in Deutschland.
Wenn ich es über die Wettbewerbsfähigkeit nicht hinbekomme, muss ich schauen: Habe ich eine andere Lösung für die Verwendung dieser Werke? Deswegen haben wir selbst noch gar nicht über Werkschließungen gesprochen, sondern wir setzen erst mal da an, uns ehrgeizige Ziele zu setzen und unsere Performance zu steigern.
Das Interview führten Dennis Pyzik, NDR und Peter Kunz, ZDF. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert und gekürzt.






