Stevie Wonder und die Politik Wie viel politischen Einfluss haben Popstars?
Stevie Wonders Musik war immer politisch. Jahrzehntelang war er als Bürgerrechtler aktiv, später machte er Wahlkampf für Obama. Welchen Einfluss haben Popstars - und was machen sei daraus, gerade jetzt, vor den Midterms?
Stevie Wonders Musik war immer politisch. Jahrzehntelang war er als Büegerrechtler aktiv, später machte er Wahlkampf für Obama. Auch fernab seiner Songtexte engagierte sich der Soulstar nachhaltig. Doch welchen Einfluss haben Popstars - und was machen sei daraus, gerrade jetzt, kurz vor den Midterms?
Klar, den Refrain von Stevie Wonders Welthit "Happy Birthday" kennt jeder. Aber wie sieht es mit dem restlichen Text aus? Etwa Zeilen wie diesen, deren deutsche Übersetzung so lautet: "Ich habe einfach nie verstanden / wie ein Mann, der für das Gute gestorben ist / keinen Tag haben kann / der seiner Würdigung gewidmet ist."
Gemeint ist der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King, der 1968 in Memphis ermordet wurde und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung zu einer Massenbewegung machte. "Happy Birthday" ist nur ein Song von vielen aus Stevie Wonders Repertoire, in dem die derzeit durch Europa tourende Soullegende Musik mit politischem Engagement verknüpft.
Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung
Jahrzehntelang hat sich Stevie Wonder selbst als Bürgerrechtler engagiert, trat als Anti-Apartheid-Aktivist in Erscheinung und als UN-Friedensbotschafter. Er war Vorreiter einer mehrjährigen Kampagne, mit der der Geburtstag von Martin Luther King zum bundesweiten Feiertag in den USA erklärt werden sollte.
1980 habe Wonder dann den Song "Happy Birthday" als kulturellen und politischen Aufruf veröffentlicht, sagt Wilfried Raussert, Professor für nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Bielefeld. Mit Erfolg: Seit 1986 ist der dritte Montag im Januar in den USA offizieller Gedenk- und Feiertag für Martin Luther King.
Stevie Wonders Engagement fußte auch auf seiner eigenen Erfahrung mit Rassismus: Als er seine Karriere in den 1960er-Jahren begann, war der amerikanische Musikmarkt strikt rassistisch getrennt. Musik von Schwarzen wurde in den Charts und im Radio abwertend als "Race Music" (Rassenmusik) bezeichnet. "Man schoss auf uns, in Restaurants bediente man uns nicht", erinnert sich die afroamerikanische Sängerin Martha Reeves in einem Interview.
Politische Positionierung seit den 1960er-Jahren
Diese Erfahrungen prägten Stevie Wonders Leben, sagt der britische Musikjournalist Barney Hoskyns in einer Arte-Dokumentation. Schon in den 1960er-Jahren entwickelte Wonder ein Interesse für gesellschaftliche Themen, erstmals habe es sich wahrscheinlich mit seiner erfolgreichen Version von Bob Dylans "Blowin‘ in the Wind" gezeigt, sagt Musikjournalist David Nathan gegenüber Arte. In dem Song geht es um Menschlichkeit, Gleichberechtigung und Frieden.
In Wonders Musikalben der 1970er-Jahre wurden Rassismus, Armut und politische Korruption dann direkt thematisiert, sagt Amerikanist Wilfried Raussert. So beschreibe beispielsweise das Lied "Living for the City" (1973) systemischen Rassismus und ein ungerechtes Strafrechtssystem, während "You Haven't Done Nothin’" (1974) politische Apathie und die Nixon-Regierung anprangere. Später komponiert Stevie Wonder "It's Wrong" (1985) als Protestsong gegen das südafrikanische Apartheid-Regime.
Engagement für Mandela und Obama
Stevie Wonders soziales und politisches Engagement über seine Musik hinaus sei sehr facettenreich, meint Wilfried Raussert. Während der heute 76-Jährige sich gegenwärtig weniger in der Öffentlichkeit zeige, agierte er zuvor auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene etwa zur Unterstützung der weltweiten Anti-Apartheid- und Friedensbewegung, so Raussert. Den Oscar für seinen Welthit "I Just Called to Say I Love You" widmete er dem damals inhaftierten Nelson Mandela, woraufhin seine Platten in Südafrika verboten wurden.
Später hat Stevie Wonder seine Popularität genutzt, um Barack Obama und die US-Demokraten zu unterstützen. 2007 begleitete er Obama auf Wahlkampftour. In einem Interview sagte der Popstar, Obama sei eine Mischung aus John F. Kennedy und Martin Luther King. Das sei eine Kombination, die nicht verlieren könne. Sein bislang letzter großer Auftritt als Musiker auf politischer Bühne sei wohl beim Parteitag der Demokraten im August 2024 gewesen, wo er die Menschen dazu aufrief, Mut statt Selbstzufriedenheit zu wählen, so Raussert.
US-Musiker und die Midterms
Auch aktuell, im Vorfeld der Kongresswahlen am 3. November, den sogenannten Midterms, nutzen viele Musikerinnen und Musiker ihre Popularität, um Wähler zu mobilisieren oder bestimmte Kandidaten zu unterstützen. Einen Monat vor den Wahlen etwa organisierte Tom Morello, der Gitarrist von Rage Against The Machine, das "Power to the People"-Festival in Maryland. Mit dabei: politisch engagierte Stars wie Bruce Springsteen, Joan Baez oder Cypress Hill. Auch wenn es kein explizites Anti-Trump-Festival war: die Botschaft und die Ansagen auf der Bühne waren eindeutig in ihrer Positionierung gegen die aktuelle Regierung.
US-Präsident Donald Trump dagegen zeigt sich selbst gern mit Musikerinnen und Musikern und trat bei seinen Wahlkampf-Veranstaltungen unter anderem mit Rapperin Nicki Minaj oder Country-Star Jason Aldean auf.
Hat Popmusik tatsächlich politische Macht?
Nach Ansicht von Wilfried Raussert hat Musik auch aktuell noch das Potenzial, Menschen politisch und sozial zu mobilisieren. Zweifel am Einfluss der Popmusik auf die Politik hat hingegen Kommunikationswissenschaftler Thorsten Philipp von der Technischen Universität Berlin.
Der politische Gehalt in der Songproduktion sei absolut instabil, so Philipp im WDR-Interview. "Happy Birthday" von Stevie Wonder zum Beispiel fehle auf keiner Geburtstagsparty - aber die wenigsten würden ihn mit einem politischen Inhalt in Verbindung bringen. Es komme am Ende darauf an, welches Engagement Popstars über ihre Songtexte hinaus zeigten.
Stevie Wonder hat sich sein ganzes Leben lang neben seiner Musik politisch engagiert. Auch wenn er sich nach Ansicht von Wilfried Raussert nach der Wiederwahl Trumps desillusioniert aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen habe - seine aktuelle Konzerttournee belege, dass er mit seiner Musik weiterhin "enthusiastisch die Botschaften von Gemeinsamkeit, Frieden und Liebe in der Welt verbreiten möchte."


