Zugunglück in Spanien Ein Land zwischen Trauer und Aufarbeitung

Nach dem Zugunglück in Spanien sind Schock und Trauer groß. Forensiker identifizieren weiterhin Todesopfer. Zudem wurden die Gesprächsprotokolle der Leitstelle mit den Lokomotivführern veröffentlicht.

Dankesworte für Ärzte und Pflegepersonal - und viel Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen: Beim Besuch der Uniklinik in Toledo, in der viele der schwerverletzten Passagiere behandelt werden, haben sich König Felipe und Königin Letizia sehr betroffen gezeigt. Das Zugunglück in Urda bei Toledo erschüttert Spanien weiter.

Am Mittwochmorgen waren auf der Strecke zwischen Madrid und Sevilla zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert, mehrere Waggons entgleisten und fielen eine zehn Meter tiefe Böschung herunter. Mindestens 69 Menschen kamen ums Leben.

Die Aufräumarbeiten dauern an, immer noch suchen Menschen nach vermissten Angehörigen. In Toledo hat ein 25-köpfiges Team von Forensikern mit der Identifikation der Todesopfer begonnen, teils mit Hilfe von DNA-Proben Angehöriger. Beim Aufprall der beiden Züge waren mehrere Waggons komplett zerstört worden.

Gesprächsprotokolle der Leitstelle veröffentlicht

Als wahrscheinlichste Ursache des Unglücks gilt eine Verkettung menschlicher Fehlentscheidungen. Mehrere spanische Medien haben inzwischen die Gesprächsprotokolle der Leitstelle veröffentlicht.

Demnach hatte die Leitstelle die Lokführer nach dem Ausfall des automatischen Leitsystems auf einem Teil der Strecke angewiesen, die Fahrt wieder aufzunehmen - in normaler Geschwindigkeit, also mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde.

Der Lokführer des verunglückten AVE fragte nach: "In normaler Geschwindigkeit?" Die Leitstelle bestätigte. Die Protokolle erlauben nach einem Systemfehler lediglich eine Maximalgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern. Auch über den noch auf der Strecke stehenden Iryo-Zug, der Schwierigkeiten bei der Anfahrt hatte, war nicht ordnungsgemäß informiert worden.

"Menschen begehen Fehler"

Als unerklärlich hatte Spaniens Verkehrsminister Oscar Puente diese Entscheidungen bezeichnet. Für einseitige Schuldzuweisungen sei es zu früh, heißt es von Seiten der Eisenbahngewerkschaften.

"Menschen begehen Fehler, diese Fehler müssen im Zusammenhang betrachtet werden, weil sie oft auf Fehler des Systems, der Arbeitsorganisation, zurückgehen", so der Eisenbahn-Sicherheitsbeauftragte Antonio Tobal von der Gewerkschaft UGT im spanischen Radio. Die Arbeits- und Stressbelastung in der Branche sei enorm gestiegen.

Passagierzahl in den vergangenen Jahren verdoppelt

Das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz galt lange als Erfolgsmodell - mit jährlich wachsenden Passagierzahlen. Seit der Liberalisierung des Netzes 2021 zirkulieren neben dem staatlichen Anbieter Renfe auch zwei private Anbieter. Auf der Strecke Madrid-Sevilla, der ältesten des spanischen Netzes, hat sich die Zahl der Passagiere seitdem verdoppelt.

Sowohl die Sicherheitsprotokolle als auch die Infrastrukturen müssten an die gestiegene Auslastung angepasst werden, fordern Experten. Der Zustand der spanischen Züge und Schienen wird auch im beginnenden Wahlkampf eine Rolle spielen. Bereits gestern Abend hatten rechte Gruppen zu Protesten vor der Parteizentrale der Regierungspartei PSOE aufgerufen. Es gab Auseinandersetzungen mit der Polizei.