Warten auf die Bergung Gaza und die Toten unter den Trümmern

Große Teile des Gazastreifens sind zerstört, Tausende Tote liegen unter den Trümmern. Um sie zu bergen, fehlt es an schwerem Gerät, Treibstoff und Möglichkeiten zur Identifizierung. Angehörige warten - manche seit Jahren.

Gaza - eine Landschaft aus Schutt und Asche. Wo vor einigen Jahren noch Wohnhäuser standen, ragen heute nur noch verbogene Eisenstangen und zerdrückte Betonplatten in den Himmel. Unter diesen Bergen aus Trümmern liegt eine unsichtbare Tragödie: Tausende Tote, die nicht geborgen werden können.

Saleh Al Arabid klettert über die Reste seines einstigen Hauses. Hier hat er bei einem israelischen Luftschlag im Dezember 2023 fast seine gesamte Familie verloren. Die Erinnerung an den Moment des Angriffs quält ihn bis heute.

Meine Söhne waren hier bei mir. Ich ging nach unten, um die Handys aufzuladen, während sie oben blieben. Nun sind sie tot. Ich sehe sie immer noch in meinen Träumen. Ich kann ihren vertrauten Geruch wahrnehmen. Sie sind immer noch hier bei mir.

Arbeiten gegen tonnenschwere Betonwände

Ein Verlust, der Al Arabid nicht loslässt. Denn die Leichen seiner Kinder liegen immer noch dort oben im zerstörten Haus. "Im zweiten Stock befinden sich vier Leichen. Hier gibt es eine Art Bruch oder Riss, es ist alles zerstört. Auch der Stock darüber ist noch vorhanden, auch da liegen Leichname." Gegen die tonnenschweren Betonwände können die Menschen vor Ort ohne Hilfe nichts ausrichten.

Es fehlt am Nötigsten, berichtet Al Arabid frustriert. Der Zivilschutz und die zuständigen Behörden seien informiert. Doch aufgrund begrenzter Mittel und Ressourcen stünden keine Maschinen oder Geräte zur Verfügung. "Durch die israelische Blockade ist es schwierig, jemanden zu finden, und die Situation kann für den Einzelnen sehr belastend sein."

Flächendeckende Hilfe unmöglich

Die militärische Lage und die damit verbundene Blockade des Küstenstreifens verhindern immer wieder den Import von Treibstoff, Ersatzteilen und neuen Baumaschinen. Eine flächendeckende Hilfe ist so unmöglich. Die internationalen Hilfsorganisationen versuchen zu vermitteln und punktuell zu unterstützen, wo es die Sicherheitslage zulässt.

Amani Al Naouq arbeitet für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Gaza. Das Rote Kreuz versuche, die Akteure vor Ort gezielt zu entlasten. Zumindest wenn klar sei, wo gesucht werden muss, sagt sie im Gespräch mit dem ARD-Studio Tel Aviv. "Wenn der Aufenthaltsort der Verstorbenen bekannt ist, unterstützen wir die Akteure vor Ort in Gaza dabei, die Verstorbenen aus den Trümmern zu bergen" - unter anderem durch die Bereitstellung von gemietetem schweren Gerät.

DNA-Untersuchungen kaum möglich

Doch selbst wenn eine Bergung gelingt, wartet auf die Familien oft das nächste bürokratische und medizinische Drama: die Identifikation der Toten. Viele Körper sind durch die Wucht der Explosionen und die lange Zeit unter den Trümmern bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In Friedenszeiten helfen Zahnarztakten oder DNA-Tests. Doch im kollabierten Gesundheitssystem von Gaza sei das utopisch, erklärt Al Naouq.

Die Kapazitäten im Gazastreifen seien insgesamt äußerst begrenzt, so die Mitarbeiterin vom Roten Kreuz. In den Laboren fehle es an der notwendigen Ausrüstung für Analysen. Zudem sei von vornherein kein Material für DNA-Untersuchungen vorhanden. Auch medizinische und zahnmedizinische Unterlagen seien oft nicht zugänglich. "Unter diesen Umständen ist es daher vorerst schwierig, hier im Gazastreifen DNA-Analysen durchzuführen", betont Al Naouq.

Israel weist Vorwürfe zurück

Die mangelnde Identifikation birgt auch politischen Zündstoff: Die UN werfen der israelischen Armee vor, durch den Abtransport von Trümmern gezielt forensische Spuren zu vernichten. Die Ruinen seien potenzielle Tatorte, die Beseitigung somit eine Zerstörung von Beweisen für mögliche Kriegsverbrechen.

Das israelische Militär (IDF) weist diese Vorwürfe zurück. Auf Anfrage der ARD heißt es: "Sollten im Zuge operativer Einsätze Leichname aufgefunden werden, behandeln die Einsatzkräfte der IDF diese mit Würde und Sensibilität und koordinieren deren Bergung in Zusammenarbeit mit dem Roten Halbmond."

Dennoch: Tausenden Familien in Gaza bleibt damit selbst das verwehrt, was für den Beginn einer Trauerarbeit so dringend notwendig wäre. Ihre Liebsten in Würde zu begraben und Abschied zu nehmen. Für Saleh Al Arabid bleibt dieser unerträgliche Zustand Alltag. Seine Söhne bleiben vorerst dort, wo sie starben - gefangen im Beton der Trümmerwüste in Gaza.